– Ende April, genauer gesagt. Der gefürchtete pommersche Winter ist irgendwie überstanden und die Quecksilbersäule schafft seit kurzem wieder den Sprung über die 10 Grad-Marke. Wahrscheinlich sollte ich joggen gehen oder mir ein Kind ausleihen und damit im Park bei gut aussehenden Frauen angeben … – der gestiegene Hormonspiegel verwirrt mir aber den Sinn und ich entscheide mich, Schach zu spielen.

Letztes Jahr habe ich nämlich beschlossen zum ersten Mal ein Vereinsturnier – früher viel klingender Sektionsturnier geheißen – mitzuspielen. Es ist zwar schon die sechste Runde, gespielt habe ich aber erst zwei Mal und bezeichnenderweise auch beide Partien verloren. Doch diesmal ist alles anders; ich bin gut gelaunt und entschlossen meinen ersten vollen Punkt seit acht Monaten einzufahren: Der Gegner ist Dag Becker.

Ich halte mich also für den Favoriten, schließlich habe ich ja die wesentlich größere Wettkampfpraxis und sogar ein höheres Rating – optimale Voraussetzungen also für ein nächstes lustiges Kapitel, eines, das meine Jugendspielerkarriere krönend abschließen wird. Ich erreiche das Café Koeppen mit etwas Verspätung; konzentriert, ein wenig angespannt setze ich mich, Dag reicht mir die Hand, die Partie beginnt.

Becker – Mertin
Greifswald, April 2004
B08 Pirc-Verteidigung

1.e4 Sf6
Vor einiger Zeit habe ich Französisch wegen Abtausch abgeschworen.
2.Sc3 d6
2…d5 führt zwar zum sofortigen Ausgleich, ergibt aber auch klares, einfaches Spiel, was ich vermeiden wollte.
a) 3.exd5 Sxd5 4.Lc4 Sb6 (4…Le6 habe ich erst kürzlich in Kiel ausprobiert, scheint aber theoretisch nicht so toll zu sein 5.Df3 c6 6.Sge2 Sc7 7.Lxe6 Sxe6 8.d3 g6 9.h4) 5.Lb3 Sc6
b) 3.Sf3 c6 4.exd5 cxd5 5.d4
c) 3.e5 Se4 4.d4 Sxc3 5.bxc3 c5
3.Sf3
Irgendwie kann Weiß hier alles spielen. 3.d4 g6 4.Sf3 (4.f4; 4.Le3; 4.Lg5)
3…g6 4.d4 Lg7 5.Ld3
Meistens steht der Läufer hier schlecht, da in solchen Stellungstypen früher oder später ein schwarzer Springer auf c5 auftauchen könnte. Außerdem nimmt er d4 einen Verteidiger. Um den Läufer vor etwaigen Belästigungen zu schützen und da Weiß ohnehin nie zu e4-e5 kommt, sollte besser 5. Le2 geschehen; z.B. 5…0–0 6.0–0 c6 7.a4 Sa6 8.Te1 usw.
5…0–0 6.Lg5 h6
Vertreibt den Läufer, da Weiß wohl kaum auf f6 tauschen kann und auch der Rückzug 7.Lh4 eher Schwarz die zusätzliche Option g6-g5 nebst Sh5 einräumt.
7.Le3
Die Entscheidung, Schwarz das Läuferpaar zu überlassen, halte ich zumindest für anzweifelbar (7.Ld2!?).
7…Sg4 8.Dd2 Sxe3 9.Dxe3
Schwarz hat das Eröffnungsduell ziemlich klar für sich entschieden und bereits hier das bessere Spiel. Ich überlegte nun gemütlich ein Viertelstündchen, wie es weitergehen sollte.
9…c5
Dieser Zug zertrümmert das weiße Zentrum und öffnet die Stellung ein wenig. 9…Lg4 10.0–0–0 Sd7 erschien mir hingegen zu banal.
10.d5
10.dxc5 Da5 11.0–0 Dxc5 12.Dxc5 dxc5 wäre interessant gewesen, obwohl Schwarz auch hier meiner Meinung nach das bessere Spiel haben sollte.
10…Db6
Vielleicht ist 10…Da5 11.0–0 Sd7 12.Tab1 a6 etwas genauer. Ich wollte aber erst die weiße Dame schlechter stellen.
11.Dc1
11.Sd1?! wäre noch eine Idee.
11…f5?
Für diesen Zug verbrauchte ich unglaubliche 20 Minuten. Die Idee war f5-f4 folgen zu lassen und sofort g6-g5 und Sd7-e5 zu spielen. Schwarz hätte nun bei geschlossenem Zentrum mehr Raum am Königsflügel und außerdem die Möglichkeit am Damenflügel mit a7-a6 nebst Da5 und b7-b5 zu expandieren. Eigentlich ein schicker Plan, der einen sicheren Sieg garantieren sollte, dachte ich. Von Dag werde ich aber eines besseren belehrt. 11…c4 war eine der Varianten, die mich Zeit kosteten und die ich zwar als sehr interessant einstufte, aber letztendlich auch als unklar. 12.Lxc4 Db4 13.Sd2 Sd7 14.a3 Dc5 15.0–0 Schwarz steht immer noch besser, aber mir war nicht klar, wofür genau ich den Bauern gebe. 11…Lg4 ist wahrscheinlich das beste und wurde nach der Partie sofort von Malte Stopsack vorgeschlagen. Die Idee hinter diesem Zug ist den weißen Einfluss auf e5 jeder Zeit tilgen zu können und das Feld c8 für den Turm zu räumen. In der Partie habe ich Lg4 wahrscheinlich aus Langeweile (Inkompetenz, …) rasch verworfen (12.h3 Lxf3 13.gxf3 c4 14.Lxc4 Tc8 15.Ld3 Txc3).
12.0–0 f4
Nichts ahnend spiele ich konsequent meinen vorgefassten Plan. 12…fxe4 13.Lxe4 ist nicht wirklich gut.
13.Tb1 Sd7 (D)

Nach 13...Sd7

14.e5!
Die Keule! Ich dachte natürlich ein weißes e4-e5 sicher verhindert zu wissen, aber das Bauernopfer ist mir natürlich entgangen. Nun öffnet sich auf einmal das Zentrum gegen den langfristigen (langsamen!) Plan von Schwarz: Der weiße Läufer wird aktiv und die e-Linie geht auf. Außerdem führt e5 meinen Kommentar zum fünften weißen Zug ad absurdum (aber ich habe Dag noch nicht gefragt, ob er Ld3 in die Turnierpraxis einführen will). 14.Dd1 g5 15.h3 Se5 16.Sxe5 Lxe5 war ungefähr die Stellung, die ich mit meinem elften Zug angestrebt hatte. Im Nachhinein bin ich allerdings weniger überzeugt, obwohl Schwarz wahrscheinlich etwas besser steht.
14…Sxe5 15.Sxe5 Lxe5
Ich war vollkommen fassungslos. Das Opfer ist für einen Spieler meiner Kategorie unglaublich schwer zu berechnen und die resultierenden Stellungsbilder recht unangenehm zu spielen, weil sich Schwarz auf einmal verteidigen muss und passiv steht. Ich halte das Opfer auf jeden Fall für korrekt und musste mich von schwarzen Vorteilsträumereien abrupt verabschieden. 15…dxe5 16.Te1 Lf5 17.Dd1 Tad8 (17…e6 18.Df3 Tad8 19.dxe6 Lxe6 20.Lxg6) 18.Le4 Lxe4 (18…e6 19.Df3 Lxe4 20.Dxe4 Kh7 21.dxe6 Dxe6 22.f3 (22.Dxb7?!)) 19.Sxe4 e6 20.d6 In allen Varianten entstehen unklare Stellungen, die sich aber recht angenehm für Weiß spielen.
16.Lxg6 Kg7 17.Le4 Da5
Trotzreaktion! Jetzt werden die Reserven am Damenflügel mobilisiert (Hoho!). 17…Lg4 und17…Lf5 wären Alternativen, die sich um die weißen Felder am Königsflügel kümmern. Mir fällt es offensichtlich schwer, auf Verteidigung zu schalten.
18.De1?!
Nach 18.Dd1 muss sich Schwarz wirklich erst um seinen Königsflügel kümmern. 18…Lf5 19.Lxf5 Txf5 20.Df3
18…b5 19.f3 b4 20.Se2
Hier glaubte ich wieder an schwarzen Minimalvorteil. Der ist allerdings schwer auszumachen, zumal es fraglich ist, ob man auf a2 gut nehmen kann.
20…La6
Fritz will natürlich sofort 20…Dxa2 sehen 21.b3 (21.Dh4 Tf6 22.Kh1 a5 23.g3 fxg3 24.Sxg3) 21…Da5 22.Dh4 Tf6 23.g3 fxg3 24.hxg3 La6 (24…Ld7 25.f4 Ld4+ 26.Sxd4 cxd4 27.g4) 25.f4 Lxe2 26.fxe5 dxe5 27.Txf6 exf6 (D)

Nach 27...exf6

und glaubt hier lachhafter Weise an schwarzen Vorteil! Weiß muss nur mit Te1 den weißen Le2 vertreiben und Schwarz kann die konsequent in der Eröffnung angestrebten weißfeldrigen Schwächen am Königsflügel nicht mehr verteidigen (Varianten?).
21.b3
Ab hier etwa kam ich so langsam in Zeitnot und schon wieder muss ich mir eigentlich durchrechnen, ob ich am Damenflügel auf Bauernfang gehen kann oder nicht. Diese Partie verlangt im Normalfall eine ungeheure Rechenarbeit, umso beeindruckender Dags Leistung, der gerade schlappe 20-25 Minuten investierte! Geradezu schockierend also mit welcher Leichtigkeit ich souverän niedergehalten werde. Ich war jedoch von René gewarnt: »Dag spielt Schach, wie andere Kekse essen.« Und dies nicht schlecht, Herr Becker!
21…c4
21…Dxa2 22.Dh4 Tf6 23.Dg4+ Kf7 24.Tbe1 (24.Dh5+?!) 24…Tg8 25.Dd7 wollte ich mir nicht antun.
22.Dh4 Tf6 23.bxc4?!
(23.Tbe1)
23…Lxc4 24.De1?!
Schon wieder war mir irgendwie klar, besser zu stehen, aber Zeit zu rechnen blieb mir ab hier nicht mehr. Außerdem hatte mich der Partieverlauf ein wenig mitgenommen.
24…Lxa2?
Jetzt wollte ich den a2 aber haben! 24…Dc5+ 25.Kh1 a5–+
25.Dxb4 Da6
25…Dc7 26.Db7 Tc8 ist bestimmt besser
26.Db7 Lc4??
Die Frucht meiner letzten »gerechneten« Variante in dieser Partie! 26…Dxb7 27.Txb7 Lc4 28.Kf2 ist aber auch nicht mehr wirklich begeisternd.
27.Dxa8 Lxe2?
27…Tf8 ist zwar auch verloren, überlebt aber noch eine ganze Weile.
28.Tfe1?
28.Tb8 ist uns beiden total entgangen.
28…Lc3?
28…Tf8
29.Dc6?? (D)

Nach 29.Dc6

Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Mit meiner Aufgabe bin ich aber nur noch dem Blättchenfall etwas zuvor gekommen. Eine hochgradig verwirrende Partie, in der Dag mich innerhalb von fünf (unorthodoxen) Zügen vom Brett fegt (29.Tb8+-; 29.De8+-)

1–0

Zwar macht es mir nichts aus gegen sympathische Menschen zu verlieren, doch werde ich mir in den nächsten Wochen diese Partie noch einige Male fassungslos anschauen. Hochgradig belustigt und besser gelaunt denn je lenke ich meine Schritte heimwärts.

Jan Mertin

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