Manchmal spielten sie eine Partie Schach zusammen. Mrs O’Connor gewann immer. Sie erinnerte sich mit solcher Genauigkeit an das Brett, dass Unterbrechungen sie nicht ablenkten und Gespräche das vorgestellte Schachbrett in ihrem Kopf nicht durcheinanderbrachten. Lucy beobachtete, wie ihre langen spindeldürren Finger — die Thomas mit gerunzelter Stirn als Mumienfinger bezeichnete — vorsichtig das Brett ertasteten, eine Schachfigur ausfindig machten, dann die winzigen geschnitzten Formen fühlten und sich einprägten. Sie war eine entschlossene Spielerin, agierte aber langsam. Lucy erzählte ihr von Fen und dem glitzernden Kleid, von ihrem zitternden Großvater James, der auch Schach gespielt hatte, und von ihren chinesischen Cousins. Mrs O’Connor berichtete Lucy von ihren erwachsenen Zwillingstöchtern, Flora und Dora, die nun weit weg im Westen lebten und davon, wie sie sich in Träumen manchmal über die Wüste hinweg zu ihnen fliegen sah. In Träumen konnte sie sehen, doch nur das, was sie gesehen hatte, bevor sie erblindet war, so dass Flora und Dora auf ewig Kleinkinder blieben, zwei oder drei Jahre alt und der Schauplatz ihrer Träume war immer die zuletzt von ihr gesehene Landschaft. „Aber das Licht in der Wüste funkelt“, sagte sie.
„Es funkelt?“
„Es sprüht, ist grell und leuchtet. Selbst die Steine scheinen zu erstrahlen.“
Lucy dachte nach über das, was sie erfahren hatte: Dass diese Frau schlafend sah. Und nicht etwa irgendetwas, sondern die funkelnde Wüste. Als sie Thomas an jenem Nachmittag davon erzählte, glaubte er kein Wort.

Gail Jones bietet in Sechzig Lichter ein beeindruckendes Figurenensemble auf, die blinde schachspielende Nachbarin der verwaisten Geschwister bleibt dabei eher am Rande.