Am 21. Januar 2006 galt es für den Greifswalder Schachverein Historisches zu vollbringen. Nach dem Sieg im Landesmannschaftspokal M-V 2004 und dem Überstehen der Vorrunde in der DPMM (hier wurde der Lübecker SV ausgeschaltet) durften wir in der Zwischenrunde starten. Die Auslosung bescherte uns den SV Berolina Mitte als Gegner. Ein Sieg würde uns ins Achtelfinale bringen. Die Runde der letzten Sechzehn! Cool! Das wäre für einen Viertligisten fürwahr nicht ganz schlecht. Und ich durfte dabei sein!
Das Schicksal, mein treuer Freund, ließ es dann auch passieren: wir gewannen mit 3:1 und zogen eine Runde weiter, wo uns schlussendlich der HSK mit 0,5:3,5 recht deutlich unsere Grenzen aufzeigte.
Von diesem denkwürdigen Wochenende präsentiere ich jetzt eine Partie, und zwar eine von mir. Nicht etwa aus Größenwahn oder übersteigertem Narzissmus, nein, ich wurde wirklich darum gebeten, die Partie zu kommentieren und zu zeigen. Sie galt diesem Zuschauer als lustig. Und recht hat er! Es ging wirklich nicht alles so ganz korrekt zu. Eine typische Pokalpartie, um diese abgedroschene Phrase mal zu bemühen.

Hintze 2039 – Herrmann 1990
Greifswald, 21.01.2006
C00 Französische Verteidigung

1.e4 e6 2.Sf3 d5 (D)

Als überzeugter Französisch-Spieler, der natürlich immer auf der Suche nach Kampf ist, beginne ich an dieser Stelle immer zu zittern! Der dritte weiße Zug, unabhängig davon, ob Sf3 oder d4 gezogen wurde, ist für mich der kritische Augenblick jeder Französischpartie. Wenn die Hand des Weißspielers nach dem e-Bauern greift, fange ich an, innerlich ein bisschen zu fluchen, weil ich schon wieder zu 1…e6 gegriffen hab. Anschließend zweifle ich kurz: „Er wird doch wohl nicht, oder?“ Gemeint ist natürlich der A-A-A-Abtausch. Mir fällt es sogar schwer, dieses böse Wort zu tippen. Eine in meinen Augen ziemlich unspannende Variante, die in einem interessanten Spiel wie Schach so rein gar nichts verloren zu haben scheint. Einzig die Variante mit nachgezogenem c4 würde ich noch als inspiriert gelten lassen. Alles andere fällt unter billiges Abklammern. Wer trotzdem nach Vorteil strebt, erkläre mir bitte, warum man dann erst einen Großteil der Spannung aus der Stellung nimmt, um sie später mühevoll wieder aufzubauen?! So, und mit diesem Statement gebe ich allen Leuten, die mir nicht wohlgesonnen sind, die optimale Möglichkeit, mich richtig zu ärgern: tauscht einfach im Franzosen ab! 3.e5 Er wird nicht! Ein guter Mensch! 3…c5 4.b4 Das hatte ich schon zweimal in mehr oder weniger ernsthaften Partien auf dem Brett. Meine kurzzügige Niederlage gegen Robert Zentgraf kann ich einfach nirgends mehr finden, der Sieg gegen meinen ehemaligen Vereinskameraden Arvid von Rahden hingegen, ist mir noch gut geläufig. 4…cxb4 5.a3 5.d4 Ld7 6.a3 Da5 empfohlen von A.v.Rahden (danke!) 7.Ld3 Sc6 8.Lb2 Sh6 9.0-0 Db6 10.a4 Le7 11.Sbd2 Sa5 12.h4 Sf5 13.De2 Tc8 14.h5 0-0 15.g4 Sh6 16.Sh2 f5 17.exf6 Lxf6 18.Sdf3 Sf7 19.Lc1 Lxd4 20.Sxd4 Dxd4 21.Le3 De5 22.Sf3 Dc7 23.g5 Se5 24.Sxe5 Dxe5 25.f4 Dd6 26.h6 g6 27.Ld4 Sc6 28.Lf6 die Phase beidseitiger Zeitnot 28…Dc5+ 29.Kg2 Sd4 30.De5 Sc6 31.Db2 Tf7 32.Lg7 Se7 33.Ld4 Dc7 34.Le5 Dc6 35.Dxb4 Sf5 36.Tfe1 d4+ 37.Le4 Dc3 38.Dxc3 Txc3 39.Lxf5 Txf5 40.Te2 Lc6+ 41.Kf2 Tc4 42.a5 Tf7 43.Lf6 Txf6 44.gxf6 Kf7 45.a6 b6 46.f5 exf5 47.Te7+ Kxf6 48.Txa7 Txc2+ 49.Kg3 g5 50.Txh7 f4+ 51.Kh3 Le4 52.Tg1 Lxh7 0-1, von Rahden,A.-Herrmann,C 2004 5…d4 Eben angesprochener Arvid hat mir zwei Ratschläge zu diesem Gambit gegeben: 1. als Weißer a3 vor d4 zu ziehen, ist eventuell ungenau, weil Schwarz dann zu d4 kommt! Wie man sieht habe ich ihm zugehört und geglaubt. Den zweiten Rat beherzigte ich gegen Arvid höchstselbst s.o. 6.Lb2 Sc6 7.Lb5 Lc5 Normal hier ist Ld7, aber auch zu Lc5 mit der Idee Lb6 und Verteidigen des d4 hat sich vor mir schon jemand hinreißen lassen, wenn auch der Erfolg aus eröffnungstheoretischer Sicht in beiden Fällen nicht der Brüller war! 8.axb4 Lb6 9.De2 Sge7 10.De4 Ld7 11.0-0 a6 11…Sxb4 12.Sxd4 Lxd4 13.Lxd7+ Dxd7 14.Lxd4 Sxc2 15.Txa7 Tc8 16.Lc3= Sieht eigentlich ganz brauchbar für Schwarz aus, aber während der Partie konnte ich keine Sympathie für diese Stellung aufbauen, auch wenn ich meine Abneigung nicht mit konkreten Varianten stützen kann. 12.La4 Sf5 13.c3 Spätestens hier hoffte ich auf die Kampfkraft meiner Mannschaftsgenossen, denn meine Stellung schien mir wenig dazu angetan, allzu optimistisch in die Zukunft zu schauen. Sorgen bereitete mir vor allem die Lage meines Königs, da mir die kurze Rochade mit Blick auf den e5-Bauern und der Diagonalen b1-h7 kein Hort der Ruhe zu bieten schien. 13…Dc7 14.g4?! Meinem Franzosenspielerherz huschte ein leichtes Lächeln übers Gesicht. Im Notfall hätte ich nach g4 also schon mal etwas, auf das ich im Abwärtssinken einschlagen kann, um meinen Todeskampf wenigstens interessanter machen zu können. 14…Sfe7 15.d3? Huch! Das hört sich doch an wie ein dezentes „Schlag mich, kratz mich, beiß mich!“ 15…0-0 16.g5 Sg6 17.Te1 17.cxd4 Sxb4 18.Tc1 Lc6 19.Lxc6 Sxc6 entsprach eher dem, womit ich gerechnet hatte. 17…f5 Denn mal los! 18.gxf6 18.exf6 gxf6 Sieht besser aus, mit Blick auf e6 und auf der g-Linie stehen wenigstens zwei Bauern rum. 18…gxf6 19.cxd4 fxe5 20.Sg5? Tf4 21.Dg2 Sxd4 22.Lxd7 Dxd7 23.Ta2 (D)

23…Txf2? Wahrscheinlich durch diesen Zug ließ sich ein Kiebitz im nachhinein zu dem Kommentar hinreißen, dass ich das Opfern scheinbar doch noch nicht verlernt hätte. Naja, auf jeden Fall ist das kaum ganz astrein und mit 23…Sh4 24.Dg3 Sdf5-+ hätte ich mir ne Menge Arbeit sparen können. 24.Dxf2 Se2+ 25.Txe2 Lxf2+ 26.Txf2 Dxd3 27.Sd2 De3? 27…Tf8! 28.Sgf3 (28.Txf8+ Kxf8 29.Sxh7+ (29.Sgf3 e4-+) 29…Kg7 30.Sg5 De3+-+; 28…Txf3 29.Sxf3 Db1+ 28.Sge4 Sf4?? 28…Tf8-+ 29.Kf1? Fritzchen fordert vehement 29.Ta3! Sd3 30.Lxe5 De1+ 31.Tf1 De3+ (31…De2 32.Lc3 allein, mir fehlt der Glaube an diese schwarze Stellung *seufz*) 32.Kh1 Sf2+ 33.Txf2 Dxa3+- und attestiert dem Weißen nun eine Gewinnstellung! 29…Sd3 30.Tf3 Tf8 31.Txf8+ Kxf8 32.Lc3 Sf4 33.Sg3 Dxc3 34.Ke1 h5 35.Se2 Sd3+ 36.Kf1 Dxb4 37.Tc2 Dh4 Ja, ja, Pokalspiele haben ihre eigenen Gesetze! 0-1

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