In der Sichtweise des Formalismus wird die Mathematik zu einem besonders kniffligen Schachspiel. Wir alle können uns darauf einigen, dass das Regelsystem des Schachspiels keine objektive Wirklichkeit abbildet. Die festgelegten Regeln machen die gesamte „Wahrheit“ des Schachspiels aus. In ähnlicher Weise sollen dem Formalismus zufolge die festgelegten Regeln die gesamte Wahrheit der Mathematik darstellen. Wir „gewinnen“ in der Mathematik, indem wir Theoreme beweisen – das heißt den Nachweis erbringen, dass sich eine uninterpretierte Zeichenkette mit Hilfe der vereinbarten Schlussregeln aus anderen uninterpretierten Zeichenketten ableiten lässt. Es gibt keine externe – außermathematische – Wahrheit, an der sich die Mathematik messen müsste.

Rebecca Goldstein: Kurt Gödel (2006)