Ein kurzer Auszug aus einem kurzweilig zu lesenden Buch des Psychiatrie-Professors Ronald K. Siegel:

Für einen Psychoanalytiker ist Joel Morgan ausgesprochen defensiv. Zumindest beim Schach. Wir verbrachten einen gemeinsamen Abend bei ihm zu Hause und führten gewissermaßen post mortem ein Gespräch über den Fall des Richie D. („Richie in Whackyland“), wober wir gleichzeitig eine Partie Schach spielten. Joel liebt es, während des Schachspiels scharfsinnige Gespräche zu führen. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, daß er den ganzen Tag seinen Patienten zuhört und sein eigenes Redebedürfnis unterdrückt. Vielleicht ist es auch nur eine geschickte Taktik, die seinen Gegner ablenken soll. Jedenfalls genießt Joel den verbalen Schlagabtausch offenbar ebenso wie das Geschehen auf dem Schachbrett. Ich dagegen verliere dadurch meine Konzentration, aber ich bin solch ein Amateur, daß es eigentlich gar nichts ausmacht. Gegen Joel verliere ich meistens. Das ist frustrierend, denn wir dürften gleich gut sein, obwohl unsere Strategien sehr verschieden sind. Er baut gerne eine undurchdringliche Abwehr auf und wartet darauf, daß sein Gegner einen Fehler macht. Ich bin ungeduldiger und aggressiver. Ich neige eher zu schnellen Angriffen auf die Verteidigungsstellungen, verliere hier einen Bauern, gewinne dort eine Schlüsselposition, bis ich den unvermeidlichen Schnitzer mache. Joel ist sehr schnell, wenn es darum geht, meine Fehler in ein Schachmatt zu verwandeln. Das macht er mit derselben kaltblütigen Effizienz wie mein Schachcomputer. Aber ob ich gewinne oder verliere, mein Schachcomputer bedankt sich stets am Ende für ein interessantes Spiel. Joel streicht sich nur über den buschigen Bart und grinst.

Ronald K. Siegel: Der Schatten in meinem Kopf (1999)