Zunächst ein Vor­spruch: Die Lan­des­li­ga in Meck­len­burg-Vor­pom­mern, in die­ser Sai­son mei­ne Wir­kungs­stät­te, ist ein Refu­gi­um. Es wird noch immer mit der tra­di­tio­nel­len Bedenk­zeit gespielt (2h/40+1h). Mit der Ober­li­ga­be­denk­zeit (90min/40+30min+30sek/Zug) hät­te ich wahr­schein­lich spä­tes­tens im 30. Zug die Zeit über­schrit­ten. Schon gar nicht hät­te ich nach der Zeit­kon­trol­le das ent­stan­de­ne End­spiel ein­schät­zen kön­nen. Mir will ein­fach nicht in den Kopf, war­um man die Qua­li­tät unse­res Spiels durch Bedenk­zeit­ver­kür­zun­gen rui­nie­ren muss. Hof­fen wir, dass die wirt­schaft­li­che Situa­ti­on der Ver­ei­ne im Land (ver­nünf­ti­ge Digi­tal­uh­ren sind teu­er) uns den Fischer­mo­dus auch wei­ter­hin erspart.

Am Sonn­tag spiel­te unse­re 2. Mann­schaft gegen den Spit­zen­rei­ter Ein­tracht Neu­bran­den­burg. Die Lebens­ver­si­che­rung für unse­re Ers­te wer­den wir in die­ser Sai­son wohl nicht mehr wer­den kön­nen (in der letz­ten Sai­son gewann die 2. Mann­schaft die Lan­des­li­ga, so dass die 1. Mann­schaft gar nicht hät­te abstei­gen kön­nen), aber die Mini­mal­chan­ce setz­te einen Sieg vor­aus, was mit einer star­ken Auf­stel­lung auch gelang. Ich spiel­te gegen Roland Woller.

kalhornwoller1
5k2/8/6p1/1P1RN3/8/4bP1P/1r6/5K2 w – - 0 55

Die wei­ße Stel­lung ist natür­lich bes­ser, aber nicht tri­vi­al gewon­nen. Alle wei­ßen Bau­ern sind ver­letz­lich, der König abge­schnit­ten und der Frei­bau­er gestoppt. Zuletzt war 54. Sg4-e5 Lf4-e3 gesche­hen. Ich rech­ne­te eini­ge Zeit am Neh­men des letz­ten Bau­erns, vor allem, weil ich mich vor dem Tur­m­end­spiel fürch­te­te („Alle Tur­m­end­spie­le sind remis, es sei denn, ich ver­tei­di­ge sie.“).

55.Sc4
Die rich­ti­ge Ent­schei­dung. Auf 55.Sxg6+ Kf7 geht immer der b‑Bauer ver­lo­ren und das Tur­m­end­spiel mit f+h ist ja remis, wie wir alle wis­sen. 56.Sh4 (56.Sf4 Lxf4 57.Tf5+ Kg6 58.Txf4 Txb5 und 56.Se5+ Ke6 57.Td3 Lc5 führt direkt zum erwähn­ten End­spiel) 56…Tf2+ 57.Ke1 Th2 58.Sf5 Lf2+ 59.Kf1 Ke6 60.Td2 Kxf5 61.Txf2 Th1+! 62.Kg2 Tb1 schließ­lich auch.
55…Tb3 56.Sxe3 Txe3 57.Kf2 Tb3 58.Kg3 Ke7 59.h4 Ke6 60.Tg5 Kf6 61.Tc5 Ke6
„Do not hur­ry“ stand im End­spiel­buch, aber mit jetzt noch zehn Minu­ten auf der Uhr muss­te eine Ent­schei­dung her. Klar, dass der h‑Bauer gegen den g‑Bauern getauscht wer­den muss­te. Ich erin­ner­te mich dun­kel an eine Lini­en­re­gel im Awer­bach. Drei Lini­en zwi­schen den Bau­ern, das muss­te dicke genügen.
62.h5
Es sprach nichts dage­gen, zunächst die eige­ne Königs­stel­lung zu ver­bes­sern: 62.Kg4 Kf6 63.Tc6+ Kf7 64.b6 gewinnt eine Rei­he, was nicht schlecht sein kann
62…gxh5 63.Txh5 Tb1

kalhornwoller2
8/8/4k3/1P5R/8/5PK1/8/1r6 w – - 0 64

Matt in 31 Zügen weiß die Datenbank.
64.b6 Kf6
Ein etwas kin­di­scher Ver­such von mir und jetzt beschlich mich ein komi­sches Gefühl. Hät­te ich nicht erst­mal mei­nen König in die Mit­te brin­gen sol­len? Wie geht das eigentlich?
65.Th6+?
Und schon ist der Gewinn weg. 65.Th7! gewinnt noch eine Rei­he (65.Th8! funk­tio­niert auch) 65…Kg6 66.Tb7 Kf6 67.Tb8 und 68.b7. Wenn der schwar­ze König dann zum b‑Bauern läuft, sperrt Weiß ihn ab und rückt mit dem f‑Bauern vor.
65…Kg5! 66.Tc6 Tg1+?
66…Tb2! sperrt den wei­ßen König weg und hält alles zusammen.

kalhornwoller3
8/8/1PR5/6k1/8/5PK1/1r6/8 w – - 0 67

Auf Kh3 kommt Tb3, auf Td6 Kf5 und auf 67.f4+ Kf5 68.Kf3 hilft das Patt­mo­tiv 68…Txb6! (Klei­ner Trost: Das hat Smy­s­low auch schon mal über­se­hen.) Jetzt ist dage­gen alles wie­der in Ord­nung. Der König läuft plan­ge­mäß zum b‑Bauern.
67.Kf2 Tb1 68.Ke3 Tb3+ 69.Ke4 Tb4+ 70.Ke5 Tb3 71.f4+ Kg4 72.Kd6 Th3 73.b7 Th6+ 74.Kc7 Th7+ 75.Kb6 Th8 76.Ka7 Th7 77.Ka8 1–0

Nach fünf­ein­halb Stun­den waren wir fer­tig. Die Ober­li­gab­ret­ter waren da schon längst abge­räumt, obwohl der Kampf erst eine Stun­de nach unse­rem begon­nen hat­te. Und Neu­bran­den­burg hat den Ober­li­ga-Auf­stieg in der nächs­ten Woche gegen Gre­ves­müh­len noch immer selbst in der Hand.