Schach aus objektivistischer Sicht

Diana Hsieh hat in Ayn Rand Answers: The Best of Her Q&A eine philosophische Begründung für deren Abneigung gegen das Schach gefunden:

I could never play chess. I resent it on principle. It involves too much wasted thinking. Chess is all „ifs,“ and if there’s one thing I cannot do mentally, it’s handle anything more than two „ifs.“ In chess, you must consider hundreds of possibilities, it’s all conditional, and I resent that. That is not the method of cognition; reality doesn’t demand that kind of thinking. In cognition, if you define the problem clearly, you really have only one alternative: „It is so“ or „It is not so.“ There is not a long line of „ifs“ – and if your opponent does this, you will do that. I can’t function that way, for all the reasons that make me a good theoretical thinker: it’s a different epistemological base.

Ich könnte niemals Schach spielen. Ich ärgere mich aus Prinzip darüber. Es bringt zuviel verschwendetes Denken mit sich. Schach ist voller Wenn, und wenn es eine Sache gibt, die ich mental nicht tun kann, ist es etwas mit mehr als zwei Wenn zu behandeln. Im Schach musst du Hunderte von Möglichkeiten in Betracht ziehen, alles ist bedingt, und daran stoße ich mich. Das ist nicht die Methode der Erkenntnis; die Wirklichkeit erfordert diese Art des Denkens nicht. Bei der Erkenntnis hast du nur eine Alternative, wenn du das Problem klar definierst: Es ist so oder Es ist nicht so. Es gibt keine lange Reihe von Wenn – und wenn dein Gegner dies tun wird, wirst du das tun. Aus all den Gründen, die mich zu einem guten theoretischen Denker machen, kann ich nicht auf diese Art funktionieren: Es ist eine andere erkenntnistheoretische Grundlage.

Die Figuren dufteten verführerisch

Der sympathische Exweltmeister Boris Spassky aus Leningrad – er heiratete 1976 eine Französin, mit der er seither in Frankreich lebt – schildert die erste Berührung mit den Schachfiguren als siebenjähriger Knabe:

Im Sommer 1946 kehrte die Familie ins zerstörte Leningrad zurück. In dieser Zeit schwärmte ich leidenschaftlich für das Schachspiel. Jeden Tag verbrachte ich im Schachpavillon auf den Kirow-Inseln, den auf dem Giebel ein riesiges schwarzes Pferd zierte. Ich erinnere mich nicht, wie und wovon ich mich ernährt habe. Aber ich erinnere mich gut an die Fahrten mit der Straßenbahn von Zuhause bis zum Klub und zurück. Es war einfach so, daß ich noch keine Schuhe hatte, und die Bahnen waren oft überfüllt. Anfangs beobachtete ich das Spiel der Älteren nur von der Seite her; ans Brett zu setzen wagte ich nicht, ich war zu schüchtern. Im Pavillon spielte man mit neuen Schachfiguren, die verführerisch und angenehm nach frischem Lack dufteten. Mir gefiel die schwarze Königin so sehr, daß ich lange von dem Wunsch gequält wurde, sie zu entwenden. Das wäre mir aber wie ein Frevel erschienen, und so blieb es bei der Versuchung. Als ich aber 1965 mit Exweltmeister Michael Tal zu den Wettkämpfen um die Weltmeisterschaft losen mußte, zog ich – die schwarze Königin!

– Theo Schuster: Schach (1982)

Nimzowitsch

Mein neues System ist nicht plötzlich entstanden, sondern langsam und allmählich, ich möchte sagen organisch emporgewachsen. Freilich, die Hauptidee, nämlich der Gedanke, die Elemente der Schachstrategie jedes einzeln für sich zu analysieren, dieser Gedanke beruht auf Eingebung. Indes wäre es natürlich keineswegs genügend, wenn ich über die offene Linie etwa sagen wollte: man solle eine solche besetzen und ausnützen, oder über den Freibauern: ein solcher sei zu stoppen. Nein, die Sache verlangt es, daß man ins Detail geht. Es dürfte beinahe komisch klingen, aber ich versichere Sie, meine lieben Leser, der Freibauer hat für mich eine Seele, genau wie der Mensch, Wünsche, die unerkannt in ihm schlummern und Befürchtungen, von deren Existenz er selbst kaum ahnt. Ebenso geht es mir mit der Bauernkette und den anderen Elementen der Strategie. Über jedes dieser Elemente will ich Ihnen nun eine Reihe von Gesetzen und Regeln geben, die Sie werden anwenden können, Regeln, die ganz und gar ins Detail gehen und die dazu beitragen werden, Ihnen Klarheit zu geben selbst über die anscheinend geheimnisvollsten Verkettungen von Geschehnissen, wie sie gang und gäbe sind auf unsern so lieben 64 Feldern.

Der II. Teil des Buches bringt dann das Positionsspiel, insbesondere in dessen neuromantischer Form. Es wird vielfach behauptet, daß ich der Vater der neuromantischen Schule sei. Daher dürfte es nicht uninteressant erscheinen, zu hören, was ich davon halte.

Man pflegt Lehrbücher in einem trockenen, lehrhaften Ton zu schreiben. Man glaubt, man würde sich etwas dadurch vergeben, wenn man einer humoristischen Wendung Einlaß gäbe, denn was hätte der Humor in einem Schachlehrbuch zu suchen! Diese Ansicht kann ich keineswegs teilen, ich gehe noch weiter, ich halte sie ganz und gar für unrichtig: der wahre Humor enthält oft mehr an innerer Wahrheit als der ernsthafteste Ernst. Was nun mich betrifft, so bin ich ausgesprochener Anhänger der komisch wirkenden Parallelen, ich ziehe also die Ereignisse des täglichen Lebens gern vergleichsweise heran, um solchermaßen Klarheit über komplizierte Schachvorgänge zu gewinnen.

Aaron Nimzowitsch: Die Praxis meines Systems (1925)