Wesen

Während Schach auf einen entscheidenden Sieg über den Gegner aus sei, im Grunde auf dessen schrittweise Beseitigung, komme es bei Weiqi bloß auf relative Vorteile an, die die Einkreisung leerer Räume gewähre. Doch der Identifizierung eines solchen Modells mit einem angeblichen chinesischen Wesen ist schon dadurch der Boden entzogen, dass China seit ältesten Zeiten ja auch eine Spielart des Schach kennt und liebt, das Xiangqi. Die real existierenden Chinesen sind der beste Gegenbeweis gegen Vorstellungen, die das Verhalten durch Abstraktionen wie »Kultur« determiniert sehen.

Mark Siemons zeigt in seiner Rezension zu Henry Kissingers »On China« ein weiteres Mal, dass Schach-Metaphern gefährlich sind.

Murmeln

Because even when I was playing other games I thought they were too simple. There was just something that didn’t turn me on about other games like Chinese Chess, where they play with marbles and things.

Bobby Fischer in einem Interview 1972 über den Beginn seiner Beschäftigung mit Schach (New in Chess 2/2011). Er meint wahrscheinlich Go, obwohl ich nicht verstehe, wie man Go einfach finden kann.

Zwei Hinweise für unsere Problemschachfreunde

1. Die Aufgaben aus dem sehr empfehlenswerten Weihnachts-Lösewettbewerb 2010 der Stuttgarter Zeitung stehen hier.

2. Die Zeitschrift »harmonie« schreibt für 2011 Informalturniere in den Abteilungen Selbstmatt (Preisrichter Dieter Werner), Hilfsmatt (Preisrichter Thomas Brand) und Märchenschach (Preisrichter Hemmo Axt) aus.

In die Lostrommel (7+8)

Premiere beim Kaissiber: Nachdem Nummer 35 nach guter Tradition mit einiger Verspätung erschienen war, kam Nummer 36 nur ein paar Wochen danach und früher als angekündigt in den Handel. Das Preisausschreiben bezieht sich auf beide Hefte. Hier meine fünf Lieblingsartikel:

1. Adrian Harvey: Als das Globale Dorf für das Schach Wirklichkeit wurde

Ein wunderbarer Artikel über die Erfindung von Schachkolumnen und Schachzeitschriften im 19. Jahrhundert. Eine Zeit weit vor Null Toleranz und Dopingkontrollen. Damals ging es noch etwas langsamer zu:

Es steht fest, dass Staunton eine viel längere Bedenkzeit wollte als Harrwitz, der seinerzeit forderte, dass man für einen einzigen Zug maximal zwanzig Minuten verbrauchen dürfte — eine Forderung, die Staunton strikt ablehnte.

Howard Staunton wäre heute mit einiger Sicherheit Schachblogger.

2. Volker Hergert: Neo-From — ein wehmütiger Rückblick

Kaissiber bringt auf 20 Seiten Froms Gambit auf den aktuellen Stand. Möglicherweise hatten gar nicht alle mitbekommen, dass Neo-From Probleme hat. Beziehungsweise, was Neo-From ist. Beziehungsweise, was das Fromgambit ist. Habe ich immerhin mal selbst gespielt.

3. Dieter Mohrlok: Erinnerungen an Fritz Sämisch

Fritz Sämisch erzählt Dieter Mohrlok, warum Capablanca gegen ihn eine Figur eingestellt hat. Ich mag diese alten Geschichten.

4. Bent Larsen: Héctor Rossetto (1922-2009)

Siehe 3. Hoffentlich bleibt Larsen uns und dem Kaissiber noch lange erhalten.

5. Klaus Kögler: Plätze ohne Touristen

Ein weiterer Teil in der vom Kaissiber ausgestrahlten Mittelgambit-Saga. Eine wunderbar kommentierte Amateur-Fernpartie. Es gibt wenig Partiekommentare, die man einfach lesen kann.