Die Drohung ist stärker als ihre Ausführung

Großmeister A. Nimzowitsch hatte eine empfindsame und explosive Natur. Er war in Meisterkreisen bekannt dafür, daß er als Nichtraucher besonders anfällig dafür war, wenn ihn ein Gegner mit Zigarrenqualm einzunebeln versuchte. Beim Kandidatenturnier 1927 in New York hattte Nimzowitsch seinen Gegner, Dr. Vidmar, vor der Partie gebeten, nicht zu rauchen. Der jugoslawische Großmeister war einverstanden, allerdings mit der Einschränkung, daß er nur dann eine Zigarre nehmen würde, wenn er in eine sehr schlechte Stellung geraten sollte.
Das Treffen verlief nikotinfrei . Dr. Vidmar gewann! Der verärgerte Nimzowitsch beschwerte sich daraufhin beim ungarischen Turnierleiter, G. Maroczy, übder das „verdammte Rauchen“. Erstaunt erwiderte der Turnierleiter: „Aber Ihr Gegner hat ja gar nicht geraucht!“ – So, nicht geraucht sagen Sie? Schlimmer als das, er hat mich mit dem Rauchen bedroht! Ständig lag die Zigarre neben dem Schachbrett, so daß ich mir sagte: machst du jetzt einen starken Zug, greift er zur Zigarre. Wie kann ich dabei die Partie gewinnen? Und Sie als Turnierspieler wissen selbst, daß die Drohung stärker ist als die Ausführung!

– Theo Schuster: Schach (1982)

Nimzowitsch

Mein neues System ist nicht plötzlich entstanden, sondern langsam und allmählich, ich möchte sagen organisch emporgewachsen. Freilich, die Hauptidee, nämlich der Gedanke, die Elemente der Schachstrategie jedes einzeln für sich zu analysieren, dieser Gedanke beruht auf Eingebung. Indes wäre es natürlich keineswegs genügend, wenn ich über die offene Linie etwa sagen wollte: man solle eine solche besetzen und ausnützen, oder über den Freibauern: ein solcher sei zu stoppen. Nein, die Sache verlangt es, daß man ins Detail geht. Es dürfte beinahe komisch klingen, aber ich versichere Sie, meine lieben Leser, der Freibauer hat für mich eine Seele, genau wie der Mensch, Wünsche, die unerkannt in ihm schlummern und Befürchtungen, von deren Existenz er selbst kaum ahnt. Ebenso geht es mir mit der Bauernkette und den anderen Elementen der Strategie. Über jedes dieser Elemente will ich Ihnen nun eine Reihe von Gesetzen und Regeln geben, die Sie werden anwenden können, Regeln, die ganz und gar ins Detail gehen und die dazu beitragen werden, Ihnen Klarheit zu geben selbst über die anscheinend geheimnisvollsten Verkettungen von Geschehnissen, wie sie gang und gäbe sind auf unsern so lieben 64 Feldern.

Der II. Teil des Buches bringt dann das Positionsspiel, insbesondere in dessen neuromantischer Form. Es wird vielfach behauptet, daß ich der Vater der neuromantischen Schule sei. Daher dürfte es nicht uninteressant erscheinen, zu hören, was ich davon halte.

Man pflegt Lehrbücher in einem trockenen, lehrhaften Ton zu schreiben. Man glaubt, man würde sich etwas dadurch vergeben, wenn man einer humoristischen Wendung Einlaß gäbe, denn was hätte der Humor in einem Schachlehrbuch zu suchen! Diese Ansicht kann ich keineswegs teilen, ich gehe noch weiter, ich halte sie ganz und gar für unrichtig: der wahre Humor enthält oft mehr an innerer Wahrheit als der ernsthafteste Ernst. Was nun mich betrifft, so bin ich ausgesprochener Anhänger der komisch wirkenden Parallelen, ich ziehe also die Ereignisse des täglichen Lebens gern vergleichsweise heran, um solchermaßen Klarheit über komplizierte Schachvorgänge zu gewinnen.

Aaron Nimzowitsch: Die Praxis meines Systems (1925)