Morbid

Poe war wirklich morbid, nicht weil er dichterisch, sondern weil er stark analytisch veranlagt war. Selbst das Schachspiel war ihm zu poetisch; er wollte davon nichts wissen, weil es voller Könige, Königinnen und Türme war – wie ein romantisches Gedicht. Das Damenbrett gefiel ihm seiner Nüchternheit wegen besser.

Gilbert Keith Chesterton über Edgar Allan Poe

Edgar Allan Poe (2)

Doch ist Berechnen an sich noch nicht Analysieren. Ein Schachspieler zum Beispiel tut das eine, ohne sich um das andere auch nur zu bemühen. Daraus folgt, daß man das Schachspiel in seiner Wirkung auf die Geistesanlagen gröblich mißverstanden hat. Doch will ich hier keine Abhandlung schreiben, sondern nur einer ziemlich eigenartigen Erzählung ein paar zufällige Bemerkungen vorausschicken; so möchte ich die Gelegenheit ergreifen, zu behaupten, daß die sublimeren Kräfte des denkenden Verstandes entschiedener und zweckdienlicher von dem bescheidenen Damespiel beansprucht werden als von aller ausgeklügelten Oberflächlichkeit des Schachspiels. Bei letzterem, wo den Figuren verschiedenartige und bizarre Züge mit unterschiedlichen Variablen eignen, wird (ein nicht ungewöhnlicher Irrtum) das, was nur kompliziert ist, fälschlich für tiefgründig gehalten. Die Aufmerksamkeit wird hier mit allem Nachdruck auf den Plan gerufen. Erlahmt sie für einen Augenblick, so unterläuft auch schon ein Versehen, das Schaden oder Niederlage zur Folge hat. Da die möglichen Züge nicht nur mannigfaltig, sondern auch verworren sind, vervielfacht sich die Gefahr solchen Versehens; und in neun von zehn Fällen ist es eher der konzentriertere als der scharfsinnigere Spieler, der gewinnt. Beim Damespiel hingegen, wo die Züge einheitlich sind und kaum voneinander abweichen, ist eine Unachtsamkeit weniger wahrscheinlich, und da die pure Aufmerksamkeit verhältnismäßig unbeschäftigt bleibt, sind die Vorteile, die die eine oder andere Partei erringt, allein überlegenem Scharfsinn zuzuschreiben.

Edgar Allan Poe: Die Morde in der Rue Morgue (1841)

Edgar Allan Poe

Bei dem Schachspieler liegt die Sache durchaus anders. Bei ihm ist der Fortschritt in keiner Weise bestimmt. Kein einziger Zug im Schachspiel folgt notwendig aus einem anderen. Wir können aus keiner Stellung der Figuren zu einer Periode des Spiels ihre Stellung zu einer anderen voraussagen. Sehen wir uns einmal den ersten Zug eines Schachspiels im Vergleich mit den Daten einer algebraischen Frage an, und ihr großer Unterschied wird sofort zutage treten. Aus den letzteren folgt der zweite Schritt der Frage unausbleiblich. Er ist von den Daten bestimmt, er kann nur so und nicht anders erfolgen. Aber aus dem ersten Zuge eines Schachspielers folgt nicht mit Notwendigkeit ein bestimmter zweiter. In der Algebra ist die Gewißheit der einzelnen Schritte eine unerschütterliche, der zweite Schritt war die Folge der Daten, der dritte Schritt die notwendige Folge aus dem zweiten, der vierte aus dem dritten, der fünfte aus dem vierten und so weiter und unmöglich anders bis zu Ende. In genauem Verhältnis zu dem Fortschreiten des Schachspiels steht die Ungewißheit jedes folgenden Zuges. Wenn ein paar Züge gemacht worden sind, so ist kein weiterer Schritt mehr sicher. Verschiedene Zuschauer des Spieles würden verschiedene Züge anraten. Es hängt also alles vom veränderlichen Urteil der Spieler ab. Wenn wir nun auch annehmen (was nicht anzunehmen ist), daß die Züge des automatischen Schachspielers in sich selbst bestimmt wären, so würden sie doch durch den nicht zu bestimmenden Willen des Gegenspielers unterbrochen und in Unordnung gebracht werden.

Edgar Allan Poe: Maelzels Schachspieler