Die Pirc-Verteidigung wirkt ein bisschen unverbindlich: Der Schwarze überlässt dem Weißen kampflos das Zentrum und stellt sich zunächst einmal flexibel auf. Spätestens seit Nimzowitsch eine normale Methode – vor 120 Jahren hätte man den Schwarzen noch für exzentrisch gehalten. Ein weißer Aufbau mit Lc4, De2 und e5 ist ein etwas grobschlächtiger Versuch, diese Strategie direkt in Frage zu stellen. Objektiv betrachtet ungenügend, es entstehen aber aufregende Stellungsbilder.

1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 g6 4.Lc4 Lg7 5.De2 Sc6
Konsequent und gut. 5…0–0 lässt 6.e5 ungehindert zu und ist schon leicht schlechter für Schwarz. 5…c6 ist dagegen gut möglich. Nach etwa 6.e5 dxe5 7.dxe5 Sd5 8.Ld2 spielt Weiß die lange Rochade mit interessantem Spiel.
6.e5 (D) Sg4
Hier scheiden sich die Geister. a) 6…Sxd4 führt nach 7.exf6 Sxe2 8.fxg7 Tg8 9.Sgxe2

(D) zu einer seltenen Materialverteilung – Weiß bekommt drei Leichtfiguren für die Dame. Die Chancen dürften verteilt sein, wenngleich der Weiße in der Praxis mit diesem Abspiel gewaltig punkten kann. Schwarz sollte mit aa) 9…Txg7 unbedingt den Bauern auf g7 entfernen, die Situation bleibt dann nach 10.Lh6 Tg8 11.0–0–0 Le6 12.Lxe6 fxe6 unklar (Collas – Bouzo Alvarezs, Malaga 2003). bb) 9…c6 ging nach 9.Sgxe2 c6 10.Lh6 Da5 11.0–0–0 b5 12.Lb3 Le6 13.Sd4 Lxb3 14.Sxb3 Dc7 15.The1 0–0–0 16.f4 in Zezulkin – Bartolomäus (Greifswald 2005) in der Folge verloren. b) 6…Sd7 bringt die Partie dagegen nach 7.Sf3 Sb6 in die Gefilde der Aljechin-Verteidigung, es könnte mit 8.Lb3 0–0 9.h3 Sa5 10.0–0 weitergehen.
7.e6
Angesichts der folgenden Abspiele sollte Weiß das ruhigere 7.Lb5 erwägen. Nach 7…0–0 8.Lxc6 bxc6 9.h3 Sh6 10.Sf3 c5 11.dxc5 Lb7 hat Schwarz dann für den geopferten Bauern genügend Spiel.
7…Sxd4 8.Dxg4 Sxc2+ 9.Kf1
Oder a) 9.Kd1 Sxa1 10.exf7+ Kf8 11.Dh4 d5 12.Ld3 Lf5 13.Lxf5 gxf5 14.Lh6 Dd6

und der weiße Angriff kommt nicht zur Entfaltung (14…e6 muss Schwarz allerdings wegen 15.Dd4 (D) besser vermeiden – das Motiv dieser Kreuzfesselung taucht in diesem Zusammenhang des öfteren auf). Interessant ist aber b) 9.Ke2 mit der Idee, den Springer auf a1 mit dem Turm abzuholen: In van den Heuvel – van Prooijen, Niederlande 1995, ging es mit 9…Sxa1 10.exf7+ Kf8 11.Dh4 c6 12.Sf3 d5 13.Ld3 weiter und Weiß gewann sogar.
9…Sxa1 10.exf7+ Kf8 11.Dh4 d5 12.Lxd5 c6 13.Lh6 Dd6
Schwarz steht fast schon auf Gewinn.

Viel Platz für eigene Gehversuche.