Vor eini­ger Zeit stieß ich auf einer schwe­di­schen Schach­sei­te auf einen Kom­men­tar des Groß­meis­ters Stel­lan Bry­nell über eine Par­tie von Han­nes Knuth, Lan­des­meis­ter und sicher­lich auch stärks­ter Spie­ler aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Han­nes hat die­se Aus­sa­ge gera­de mit einem gutem Resul­tat bei der Deut­schen Ein­zel­meis­ter­schaft 2006 unter­stri­chen. Aus hie­si­ger Sicht ist der Anlass für den Kom­men­tar natür­lich uner­freu­lich – obwohl in einem offe­nen Tur­nier Außen­sei­ter­sie­ge nicht sel­ten sind. Da es sich aber um den nicht häu­fi­gen Fall han­delt, dass ein Groß­meis­ter eine meck­len­bur­gi­sche Schach­par­tie ana­ly­siert, und das noch auf unter­halt­sa­me Wei­se, soll der Text hier ver­öf­fent­licht werden.

Tack för tillstÃ¥ndet och dina vän­li­ga ord, Stellan.
Tack för hjälp­en med över­sätt­nin­gen, Johan.

Knuth 2283 – Gajic 1920
Tra­ve­mün­de, 29.12.2005
D44 Halb-Slawisch

Wenn ich mich wäh­rend des Ril­ton Cups nach den Run­den an der Schach­neu­ig­kei­ten­front update­te, konn­te ich zu mei­ner Ver­wun­de­rung sehen, dass der jun­ge Mal­mö­ju­ni­or Mla­den Gajic wie eine Dampf­wal­ze durch das offe­ne Tur­nier in Tra­ve­mün­de mar­schier­te. Ich weiß, dass er gut ist, aber wie ist es mög­lich, dass er Run­de für Run­de mit bedeu­tend höher bewer­te­ten Spie­lern fer­tig wur­de? Als ich nach Hau­se kam, warf ich einen Blick auf eine der Par­tien, die Mla­den gespielt hat und bekam etwas zu sehen, das sehr häu­fig ist: Ein hoch bewer­te­ter Spie­ler schaut auf die Rating­zahl und ver­gisst die Stel­lung zu studieren.

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.Sf3 e6 5.Lg5 dxc4 Gajic wählt die super­schar­fe Bot­vin­nik­va­ri­an­te. Wahr­schein­lich ver­spür­te der Deut­sche hier ein gewis­ses Unbe­ha­gen. Das hät­te ich jeden­falls getan. Wenn ich bedeu­tend höher bewer­tet als mein Geg­ner bin und vor allem, wenn er ein Juni­or ist, will ich eine ruhi­ge und posi­tio­nel­le Stel­lung haben, die ich fest­hal­ten und köcheln und kne­ten kann, wäh­rend der klei­ne Schlu­cker nur eine gro­ße Öde spürt. Der Bot­vin­nik­va­ri­an­te bin ich immer um jeden Preis aus­ge­wi­chen, zum Bei­spiel durch das Spie­len von 5.e3 oder der mör­de­risch lang­wei­li­gen, aber fak­tisch unter­schätz­ten Abtausch­va­ri­an­te (3.cxd5). 6.e4 b5 7.e5 h6 8.Lh4 g5 9.Sxg5 hxg5 10.Lxg5 Sbd7 11.Df3?!

Bis hier­hin ist man der Haupt­va­ri­an­te gefolgt, doch der letz­te wei­ße Zug ist sehr unge­wöhn­lich. Ich habe vol­les Ver­ständ­nis dafür, dass sich Han­nes nicht in ein Theo­rie­du­ell in den krank­haft schar­fen Haupt­va­ri­an­ten bege­ben will. Hat man die Vari­an­ten zuvor nicht gese­hen, machen die­se einen voll­stän­dig sur­rea­lis­ti­schen Ein­druck – sie sind in der Tat voll­kom­men unbe­greif­lich. Sieh dir zum Bei­spiel die­se Par­tie zwi­schen Loek van Wely und Jan Smeets aus dem jüngs­ten Infor­ma­tor an: 11.exf6 Lb7 12.g3 c5 13.d5 Db6 14.Lg2 0–0–0 15.0–0 b4 16.Tb1 Da6 17.dxe6 Lxg2 18.e7 Lxf1 19.Dd5 Lh6 20.Lxh6 Ld3 21.Da8+ Sb8 22.exd8D+ Txd8 23.Te1 bxc3 24.Lf4 Db6 25.bxc3 Lf5 

Die Figu­ren haben nach rechts und links geschla­gen, aber nun ist Schluss damit. Statt­des­sen ist es an Weiß zu bewei­sen, dass er Kom­pen­sa­ti­on für das geop­fer­te Mate­ri­al hat. Erstaun­li­cher­wei­se hat er das nach der Neue­rung 26.f3, ein Zug, den van Wely mit einem Aus­ru­fe­zei­chen belohnt. Ja, ihr ver­steht selbst: Man braucht die Aus­rüs­tung eines Voll­zeit­pro­fis mit einem star­ken Com­pu­ter um die Chan­ce zu bekom­men, die­se Vari­an­te zu ver­ste­hen. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber soll­te ich auch die nächs­ten Züge geben: 26.f3 Le6 27.g4 Ld5 28.Dxb8+ Dxb8 29.Lxb8 Kxb8 30.Kf2 Kc7 31.h4 Td6 32.Te7+ Td7 33.h5 auf­ge­ge­ben 11…Db6 Der rich­ti­ge Zug auf 11.Df3 soll­te 11…Lb7 sein. Es ist klug, noch einen klei­nen Moment die Kon­trol­le über f6 zu behal­ten. 12.Lxf6 Sxf6 13.Dxf6 Tg8 14.Le2 Le7 Gajic wählt klu­ger­wei­se etwas, das kei­ne Zeit mit dem Schla­gen auf d4 oder g2 ver­liert, son­dern statt­des­sen die Ent­wick­lung voll­endet. Es hat höchs­te Prio­ri­tät, den König zur Sei­te auf den Damen­flü­gel zu brin­gen. 15.Df4 Lb7 16.Lf3 16.Lh5 hät­te Schwarz etwas mehr irri­tiert. 16…Lg5 17.De4 0–0–0 18.Td1 Td7! Ein fei­ner Zug, der die Ver­dop­pe­lung auf der D‑Linie vor­be­rei­tet und gleich­zei­tig den Läu­fer auf b7 deckt, so dass c6-c5 mög­lich wird. 19.Dh7?! Die­ser Aus­flug sieht nicht gut aus, aber es ist nicht leicht, einen guten Rat zu geben. Viel­leicht war es eine Idee, mit einer der wei­ßen Trumpf­kar­ten fort­zu­set­zen und 19.h4 zu zie­hen. 19…Dd8 20.Se4?! Ver­sperrt den Rück­zugs­weg für die wei­ße Dame. Der Zug bekommt jedoch nicht die Stra­fe, die er ver­dient. 20…Th8?! Gajic hat eine Zug­wie­der­ho­lung gese­hen und begnügt sich damit. Sehr gut scheint 20…f5 zu sein. Nach 21.Sd6+ Kb8 muss Weiß die Dame ret­ten und dann kommt ein unan­ge­neh­mes Schach auf a5 gefolgt vom Auf­fres­sen des Damen­flü­gels. Ver­sucht Weiß die Dro­hung gegen den Turm auf g8 mit 22.Sf7 zu behal­ten, ist es nach 22…Df8 zu Ende. 21.Dg7 Tg8 22.Dh7 Th8

Nun sind wir genau an dem Moment, der die Par­tie so instruk­tiv macht. Han­nes sieht ein, dass das Remis unaus­weich­lich ist, aber er wirft außer­dem einen Blick auf die Rating­zah­len und sieht ein, dass das kein genü­gen­des Resul­tat ist. Er fasst des­halb einen Beschluss, der dem Bege­hen von Hara­ki­ri ent­spricht. Mir feh­len jedoch eini­ge Fak­ten, damit das Bild voll­stän­dig wird. Viel­leicht hat­te Gajic nur noch Sekun­den übrig, die das Risi­ko recht­fer­tig­ten. Ich weiß auch nicht, ob Gajic f5 gezo­gen hät­te und die Zug­wie­der­ho­lung nur gemacht hat, um Zeit zu gewin­nen. Ich bin aber recht sicher, dass die Par­tie Remis aus­ge­gan­gen wäre, wenn Han­nes die Dame nach g7 gesetzt hät­te. Aber… 23.Dxh8?? Dxh8 24.Sxg5 Dd8 Gut genug, aber nach 24…c5! crasht das wei­ße Zen­trum auf ein­mal und er kann im Prin­zip auf­ge­ben. 25.Se4 Da5+ 26.Td2? 26.Ke2 Dxa2 27.Td2

hät­te eini­ge Chan­cen zum Kämp­fen gege­ben. 26…Txd4 Nun ist es völ­lig vor­bei. Gajic führt die Par­tie mit siche­rer Hand zum Gewinn. 27.a3 c5 28.Sc3 Lxf3 29.gxf3 Txd2 30.Kxd2 b4 31.Se4 bxa3+ 32.Ke3 axb2 33.Tb1 Da3+ 34.Kf4 c3 35.Sd6+ Kd7 36.Td1 Db4+ 37.Se4+ Kc7 Was das Gan­ze noch beson­ders lus­tig macht, ist, dass Gajic Elo-Zahl völ­lig miss­ver­ständ­lich ist. Ich wür­de glau­ben, dass er im schwe­di­schen Rating über 2200 hat, was ein kor­rek­te­res Maß sei­ner Spiel­stär­ke ist. Es wäre sicher gut für Han­nes gewe­sen, das zu wis­sen, als er über sei­nen 23. Zug nachdachte.
0–1

Stel­lan Brynell

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