Nach­dem der­sel­be dann ein zwei­tes Glas gefüllt und der Pas­tor ihm dar­aus Bescheid getan hat­te, schritt letz­te­rer zu einem klei­nen Tische an dem Mit­tel­fens­ter, schüt­te­te aus einem Käst­chen die in Buchs geschnitz­ten Figu­ren eines Schach­spiels und stell­te sie auf die in die Tisch­plat­te ein­ge­leg­ten Fel­der, ein schwei­gend über­nom­me­nes Amt, das er bei sei­nen Besu­chen stets zu üben pflegte. 

Auch heu­te ließ der Haus­herr ihn gewäh­ren, und bald saßen bei­de sich gegen­über; der geist­li­che Herr im schwar­zen Talar, das gleich­far­bi­ge Käpp­chen auf dem dün­nen Haa­re, das an den hage­ren Schlä­fen nie­der­hing; der and­re im beque­men Haus­kleid, das er oft zur Sei­te schlug, als ob es ihn beklem­me; der Wein stand neben ihnen, und der Jun­ker stürz­te oft sein Glas hin­un­ter. Aber sein Spiel war nicht wie sonst, wo er nach kur­zer Wei­le dem Pas­tor ein »Viktoria!« zuzu­ru­fen pfleg­te; heu­te hat­te er schon mehr­mals auf beschei­de­ne Erin­ne­rung des­sel­ben sei­nen Zug zurück­ge­nom­men; aber immer wie­der schob er Bau­ern und Offi­zie­re unacht­lich über die Fel­der und faß­te sie, als ob er sie zer­bre­chen möchte. 

»Mein Herr Patron«, sag­te der Pas­tor, »wälzt wich­ti­ge­re Din­ge in Gedan­ken; Eure Dame steht aber­mals im Schach!«

Da schob der Jun­ker das Tisch­lein von sich, daß die Figu­ren durch­ein­an­der­stürz­ten. »Das Spiel ein ander­mal! Ich hab‘ mit Ihm zu reden, Pastor!«

Theo­dor Storm: Zur Chro­nik von Gries­huus (1884)