Seit lan­ger Zeit wie­der mal die Schach-Zei­tung (das Sep­tem­ber­heft) gekauft. Haupt­säch­lich, weil mir beim Durch­blät­tern die Mann­schafts­auf­stel­lun­gen für die kom­men­de Bun­des­li­ga-Sai­son auf­ge­fal­len waren und mich die Mei­nung der Redak­ti­on dazu inter­es­sier­te. Die Aus­län­der­dis­kus­si­on scheint mitt­ler­wei­le durch zu sein, gleich­wohl kann man Dirk Pold­auf nur bei­pflich­ten, der ange­sichts der Auf­stel­lung des Auf­stei­gers aus Trier etwas rat­los die Fra­ge nach der dahin­ter­ste­cken­den Phi­lo­so­phie auf­wirft. Es mutet schon etwas komisch an, wenn diver­se Mäze­ne (natür­lich gibt es Aus­nah­men am Ende der Setz­lis­te) zu den Spiel­ta­gen ihre inter­na­tio­na­len Titel­trä­ger zusam­men­trom­meln, um eine deut­sche Meis­ter­schaft aus­zu­spie­len. Ob sich die Fans (Gibt es so etwas beim Schach?) tat­säch­lich mit einer deut­schen Mann­schaft eher iden­ti­fi­zie­ren wür­den, wie Dirk Pold­auf meint, scheint mir nicht so klar zu sein – beim Fuß­ball ist es jeden­falls nicht unbe­dingt so. Weit­aus dring­li­cher erscheint mir die Fra­ge, ob der ange­sichts der Zahl der in Deutsch­land orga­ni­sier­ten Schach­spie­ler erschre­cken­de Zustand des deut­schen Spit­zen­schachs nicht auch mit die­ser Ent­wick­lung in den deut­schen Ligen zusam­men­hängt. Ganz abge­se­hen von dem betrüb­li­chen Umstand, dass sich eine Ama­teur-Ober­li­ga­mann­schaft aus der Pro­vinz wie die mei­ni­ge in der drit­ten Liga auf ein­mal einer Rei­he von (deut­schen) Spie­lern gegen­über­sieht, die eigent­lich min­des­tens 2. Liga spie­len soll­ten, statt uns das Leben schwer zu machen. Mal ganz abge­se­hen davon, dass es auch in der Ober­li­ga schon diver­se Pro­fis gibt.

Ansons­ten setzt die Zei­tung ihren eher Topal­ov-freund­li­chen Kurs fort, der Bul­ga­re kom­men­tiert das Teil­neh­mer­feld der Welt­meis­ter­schaft von Mexi­ko, lei­der nicht ohne die zu erwar­ten­den Ste­reo­ty­pen (Kram­nik ist durch das Regle­ment bevor­teilt, wird sich sei­nen Her­aus­for­de­rer aus­su­chen und bekommt von sei­nen Freun­den Remi­sen geschenkt, Svid­ler ist nicht ehr­gei­zig genug, Moro­ze­vich punk­tet nur gegen schwä­che­re Geg­ner gut, Gri­schuk pokert zu viel etc.).

Emp­feh­lens­wert das Inter­view mit Fer­di­nand Unzi­cker, ein biss­chen skur­ril ein neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Auf­satz von Roland Grab­ner, in dem unter ande­rem nach­ge­wie­sen wird, dass star­ke Schach­spie­ler Schach­auf­ga­ben schnel­ler lösen als schwä­che­re Schach­spie­ler. Heureka!

Wenn ich mir was wün­schen dürf­te? Dann wür­de ich mir statt der zuwei­len ermü­den­den Tur­nier­be­rich­te etwas mehr Per­spek­ti­ve von unten wün­schen. Etwas, was der schach­li­chen Lebens­wirk­lich­keit der U‑2300-Spie­ler näher kommt, als der immer­wäh­ren­de Schach­zir­kus dort oben.