Schach, Angeln und das ech­te Leben aus der Sicht eines Bezirksligaspielers

Ein Gast­bei­trag von Jochen Malchau

Spie­le ich auf Remis? Ang­ler unter­tei­len sich in Fried­fisch- und Raub­fisch­jä­ger. Mit einem Blin­ker oder Köder­fisch geht es ein­deu­tig auf Hecht oder Zan­der und nicht auf Karp­fen. Beim Schach ist der Aus­gang einer Par­tie Null, Null­kom­ma­fünf oder Eins. Die Schach­sze­ne kennt offi­zi­ell kei­ne Spe­zia­lis­ten, die nur auf Remis spie­len. Viel­leicht fehlt auch der Blick dafür. Einen wer­tungs­star­ken Spie­ler – den kapi­ta­len Karp­fen – mit einer schar­fen Eröff­nung anfüt­tern, das gan­ze mit einer Com­pu­t­er­neue­rung wür­zen. Fritz sagt Plus Null drei. Ein ers­tes psy­cho­lo­gi­sches Remis­an­ge­bot. Der ver­sier­te Remis­künst­ler weiß, dass die­ses zu 90 Pro­zent nicht ange­nom­men wird. Doch ein Korn des Zwei­fels ist beim Favo­ri­ten gesät. Denkt er schon so im Vor­teil zu sein, sich die Frech­heit des Remis­an­ge­bo­tes leis­ten zu kön­nen? Was, wenn die Com­pu­ter­va­ri­an­te ewig so wei­ter­geht und er auch min­der­wer­ti­ge mensch­li­che Züge mit­ana­ly­siert hat? Nun ist es wich­tig, als Favo­ri­ten­kil­ler die Figu­ren kraft­voll zu zie­hen, gele­gent­lich eine Soforter­wi­de­rung ein­zu­streu­en und zwi­schen­durch gelang­weilt die Bret­ter auf­wärts Rich­tung Eins zu schrei­ten. Zu signa­li­sie­ren, mit so einem mäßi­gen Geg­ner, der nicht auf dem Stand von Alpha Zero ist, da wird’s fast lang­wei­lig. Die nächs­ten Remis­an­ge­bo­te streust du ori­en­tiert am Ein­mal Neun ein. Auf jeden Fall kurz vor der Zeit­kon­trol­le. Lehnt er nun ab, nimmst du dir zum Ein­und­vier­zigs­ten Zeit, die End­spiel­ab­wick­lung bis zu dei­nem siche­ren Gewinn zu berech­nen. Es soll die­se Remis­spie­ler geben, die den kapi­tals­ten Tur­nier­karp­fen so zur Stre­cke brin­gen. Ich den­ke, also bin ich, sag­te Des­car­tes. Ich fan­ge erst rich­tig an, mich zu spü­ren, wenn mein ers­tes Remis­an­ge­bot abge­lehnt ist. So der Remisspieler.

Geht das Leben Remis aus? „We kön­na jo a woitäspui“, ent­geg­ne­te mir letz­tens ein jun­ger Ober­bay­er auf einem Open in einer bay­ri­schen Klein­stadt. Und schob mich in einer drei­stün­di­gen Pro­ze­dur zusam­men. Ein Box­kampf in zehn­fa­cher Zeit­lu­pe. Der Schwä­che­re wird in die Sei­le gedrückt, ohne zu ver­ste­hen, was pas­siert. Psy­cho­lo­gisch rate ich nicht dazu, das Leben auf Remis anzu­le­gen. Du hast ja kei­nen Geg­ner im rich­ti­gen Leben, den du mit einem Remis­an­ge­bot ver­un­si­cherst. Und im Schach? Ich plä­die­re dafür, die Remi­spie­ler als eigen­stän­di­ge, kom­ple­xe, viel­schich­ti­ge Spe­zi­es voll zu akzep­tie­ren, so wie es in ande­ren Sport­ar­ten Sturm und Defen­si­ve gibt.

Foto: Mike Hoff
Lizenz: CC BY-NC 2.0