Es wird wohl 1905 gewe­sen sein, daß ich zum ers­ten Male eini­ge Zeit ange­mel­de­ter Ein­woh­ner Mün­chens und selbst­ver­ständ­lich Schwa­bings war. Zum Stamm­lo­kal wur­de das »Café Ste­fa­nie« gewählt, an der Peri­phe­rie des Künst­ler­vier­tels, im Mün­che­ner Quar­tier latin gele­gen. Hier ver­kehr­ten mas­sen­haft Maler, Schrift­stel­ler und Genie­an­wär­ter jeder Art, auch vie­le aus­län­di­sche Künst­ler, Rus­sen, Ungarn und Bal­kansla­wen, kurz das, was der Mün­che­ner Ein­ge­bo­re­ne in den Sam­mel­na­men »Schlawiner« zusam­men­faßt. Ein Eck­tisch war für eine Anzahl Berühmt­hei­ten reser­viert, deren eini­ge dem Schach­spiel obla­gen, ande­re die Tages­er­eig­nis­se auf den Gebie­ten der Lite­ra­tur, der Kunst und des Thea­ters erör­ter­ten. Dort lern­te ich Max Hal­be ken­nen und Max Dau­then­dey und habe dann jah­re­lang an dem Eck­tisch fast täg­lich Schach gespielt mit Roda Roda und Gus­tav Mey­rink, mit dem Syn­di­kus der Mün­che­ner Kunst­aka­de­mie Pro­fes­sor Eugen von Stie­ler und mit dem »Major«, dem Maler und Schrift­stel­ler August von Hoff­mann-Bes­ten­hof, einem ehe­ma­li­gen öster­rei­chi­schen Offi­zier, mit dem Maler Max Non­nen­bruch und vie­len ande­ren. Auch den über­aus fei­nen, klu­gen und iro­ni­schen bal­ti­schen Roman­cier Graf Edu­ard Key­ser­ling habe ich dort noch getrof­fen, bevor er, blind und gelähmt, ganz an den Roll­stuhl gefes­selt war.

Erich Müh­sam: Unpo­li­ti­sche Erin­ne­run­gen (1927)