Das Prä­si­di­um des Deut­schen Schach­bun­des hat in sei­ner Sit­zung vom 30. Juli 2011 fol­gen­de Ent­schei­dun­gen gegen Chris­toph Nats­idis getroffen:

Die vom Bun­des­tur­nier­di­rek­tor Ralph Alt gegen Chris­toph Nats­idis aus­ge­spro­che­ne zwei­jäh­ri­ge Sper­re vom 06.07.2011 bis ein­schließ­lich zum 05.07.2013 wird voll umfäng­lich aner­kannt und damit zugleich vom DSB rechts­wirk­sam verhängt.

Die auf der 82. DEM von Chris­toph Nats­idis erziel­ten Ergeb­nis­se wer­den annul­liert. Alle von ihm gespiel­ten Par­tien wer­den für ihn als ver­lo­ren und für sei­nen jewei­li­gen Geg­ner als gewon­nen gewer­tet. Die DWZ-Aus­wer­tung wird ent­spre­chend vorgenommen.

Chris­toph Nats­idis wird im gesam­ten Zeit­raum der gegen ihn ver­häng­ten Sper­re nicht in der DWZ-Daten­bank geführt. Par­tien, an denen Chris­toph Nats­idis im Zeit­raum sei­ner Sper­re betei­ligt ist, wer­den nicht aus­ge­wer­tet. Mit Ablauf der Sper­re wird die Wer­tungs­zahl von Chris­toph Nats­idis reaktiviert.

Dazu eini­ge Bemerkungen:

1. Zunächst fällt die Unsi­cher­heit hin­sicht­lich der Zustän­dig­keit auf. Wer darf Sank­tio­nen eigent­lich ver­hän­gen? War­um die­se selt­sa­me Dop­pe­lung – der Tur­nier­di­rek­tor ent­schei­det über eine Sank­ti­on und das Prä­si­di­um »anerkennt« die­se und »verhängt [sie] damit zugleich rechtswirksam«?

Auf den ers­ten Blick ist der Fall klar gere­gelt. Der Bun­des­tur­nier­di­rek­tor darf Spiel­sper­ren bis zu zwei Jah­ren ver­hän­gen (Zif­fer A‑11.1.3 Buch­sta­be b der Tur­nier­ord­nung des DSB). Das hat er getan und dabei hät­te es dann eigent­lich auch blei­ben kön­nen. Auf den zwei­ten Blick ist die Sache nicht mehr so klar. Die Tur­nier­ord­nung steht in die­sem Punkt näm­lich in Wider­spruch zur Sat­zung des Deut­schen Schach­bun­des. In § 61 der Sat­zung des DSB heißt es:

Die den Spiel­be­trieb regeln­den Ord­nun­gen des Bun­des und der DSJ kön­nen bei Ver­stö­ßen fol­gen­de Maß­nah­men vorsehen:
(…)
3. für das zustän­di­ge Mit­glied des Prä­si­di­ums oder des Vor­stands der DSJ über Nr. 1 und 2 hinaus:
(…)
b) Spiel­sper­ren für die Dau­er von bis zu zwei Jahren

Mit ande­ren Wor­ten. Die Sat­zung des DSB als höher­ran­gi­ges Recht lässt in der Tur­nier­ord­nung nur Rege­lun­gen zu, die die Aus­spra­che von Spiel­sper­ren einem Prä­si­di­ums­mit­glied vor­be­hal­ten. Der Bun­des­tur­nier­di­rek­tor ist aber kein Prä­si­di­ums­mit­glied. Die Tur­nier­ord­nung ver­stößt inso­weit gegen die Sat­zung und ist unwirk­sam. Der Bun­des­tur­nier­di­rek­tor durf­te eine Spiel­sper­re nicht ver­hän­gen. Das Prä­si­di­um kann das (§ 26 Absatz 1 Num­mer 9 und § 55 Absatz 2 Num­mer 5 der Sat­zung des DSB).

2. Die Wer­tung der bei der Deut­schen Meis­ter­schaft von Chris­toph Nad­si­tis gespiel­ten Par­tien als ver­lo­ren ist von der Tur­nier­ord­nung gedeckt, liegt aller­dings wohl nicht in der Zustän­dig­keit des Prä­si­di­ums. Das Prä­si­di­um darf in mei­nen Augen nur über die in § 55 Absatz 2 der Sat­zung des DSB genann­ten Sank­tio­nen ent­schei­den, die Wer­tung von Par­tien als ver­lo­ren gehört nicht dazu. Auf Ver­lust der Par­tie erken­nen darf nach § 61 Num­mer 1 Buch­sta­be f der Sat­zung des DSB und Zif­fer A‑11.1.1 Buch­sta­be f der Tur­nier­ord­nung nur der Schieds­rich­ter, ersatz­wei­se der Turnierleiter.

3. Die ange­ord­ne­te DWZ-Aus­wer­tung der von Chris­toph Nats­idis bei der Deut­schen Meis­ter­schaft gespiel­ten Par­tien in der Form, dass sei­ne Par­tien als ver­lo­ren gewer­tet wer­den, wider­spricht ganz klar der Wer­tungs­ord­nung des Deut­schen Schach­bun­des. Dar­in ist fest­ge­legt (Zif­fer 3.2.5.):

Nur am Brett erziel­te Par­tie­er­geb­nis­se dür­fen aus­ge­wer­tet wer­den, also kei­ne kampf­los ent­stan­de­nen Resul­ta­te. Nach­träg­lich von einer Rechts­in­stanz zuge­spro­che­ne Ergeb­nis­se blei­ben dann unbe­rück­sich­tigt und die ursprüng­lich erspiel­ten Resul­ta­te blei­ben bestehen, wenn die Par­tien ord­nungs­ge­mäß am Brett been­det wurden.

Mei­nes Wis­sens wur­den alle Par­tien von Chris­toph Nats­idis ord­nungs­ge­mäß am Brett been­det, ein­schließ­lich der letz­ten Run­de, in der zunächst ein Remis ver­ein­bart wor­den war. Sinn­voll scheint mir allein eine Wer­tung der Par­tien als kampf­los ver­lo­ren, also eine Nicht­aus­wer­tung bei der DWZ.

4. Für den Aus­schluss des Spie­lers aus der DWZ-Aus­wer­tung gibt es kei­ne Rechts­grund­la­ge, weder in der Sat­zung noch in der Tur­nier­ord­nung des Deut­schen Schach­bun­des. Hier darf nicht über­se­hen wer­den, dass der Deut­sche Schach­bund einen Spie­ler nur für sei­nen eige­nen Spiel­be­trieb sper­ren kann, also im Wesent­li­chen für Deut­sche Meis­ter­schaf­ten, den Deut­schen Pokal und die 2. Bun­des­li­ga (Aus­nah­men gel­ten im Bereich der Anti-Doping-Regeln). Chris­toph Nats­idis darf wei­ter­hin an Ver­an­stal­tun­gen der Lan­des­ver­bän­de und Ver­ei­ne teil­neh­men. Offi­zi­el­le Tur­nie­re im Bereich des Deut­schen Schach­bun­des müs­sen sogar aus­ge­wer­tet wer­den (Zif­fer 6.2.1. der Wer­tungs­ord­nung). Hier wird das Wer­tungs­sys­tem regel­wid­rig dazu benutzt, einen Spie­ler fak­tisch auch von Wett­kämp­fen fern­zu­hal­ten, die der Deut­sche Schach­bund nicht regeln darf. Das Wer­tungs­sys­tem ist kein Sank­ti­ons­sys­tem (Zif­fer 4.1. der Wertungsordnung):

Die Aus­ge­stal­tung des Wer­tungs­sys­tems hat zum Ziel, die Spiel­stär­ke der Schach­spie­ler mög­lichst genau in den DWZ abzubilden.

War­um soll­te jemand, der Chris­toph Nats­idis in der Sach­sen­li­ga oder auf einem Open schlägt, dafür kei­ne DWZ-Punk­te bekommen?

5. Um kei­ne Miss­ver­ständ­nis­se ent­ste­hen zu las­sen: Natür­lich ist es rich­tig, ein sol­ches Fehl­ver­hal­ten zu sank­tio­nie­ren. Das Prä­si­di­um soll­te dabei nur dar­auf ach­ten, selbst sein eige­nes Regel­werk ein­zu­hal­ten. Erst recht, wenn das schon in dem ande­ren Fall nicht geklappt hat.