Einen selt­sa­men Abend, ein selt­sa­me Nacht und einen selt­sa­men Tag habe ich durch­lebt. Bei Daah­lens saßen wir wie sonst auf der Veran­da und tran­ken kal­te Ente. Spall war sehr unter­hal­tend. Er wit­zel­te stän­dig und mach­te den alten Herrn lachen. Clau­dia lach­te auch, ein etwas gezwun­ge­nes lus­ti­ges Lachen. Sie war unru­hig, ging auf der Veran­da auf und ab, blieb zuwei­len ste­hen und schau­te in den Mond – plötz­lich dann ernst – etwas Gespann­tes, fast Angst­vol­les lag in dem Aus­druck ihres blei­chen Gesich­tes. In der Hand hielt sie ein klei­nes Batist­ta­schen­tuch und dreh­te das so fest zusam­men, als woll­te sie es zer­rei­ßen. Spall und Daah­len began­nen eine Par­tie Schach. Ich trat zu Clau­dia. Merk­wür­dig war es, wie sich ihre Erre­gung mir mit­teil­te. Ja, der Nerv in mir gehorch­te den Schwin­gun­gen des frem­den Wesens. Mei­ne Stim­me klang unsi­cher, als ich sagte:
»Wir haben so lan­ge den Wei­her nicht gesehen.«
»Ja, gehen wir noch ein­mal zum Wei­her hin­un­ter«, erwi­der­te Clau­dia freundlich.

Edu­ard von Key­ser­ling: Sei­ne Lie­bes­er­fah­rung (1906)