Es ist gewiß, daß Seve­ri­no damals eben das Kunst­stück mit dem unsicht­ba­ren Mäd­chen im Kopf hat­te und in der klei­nen Zigeu­ne­rin alle Anla­gen fand, die Rol­le der Unsicht­ba­ren zu über­neh­men. Neben einer sorg­fäl­ti­gen Erzie­hung such­te er auf ihren Orga­nis­mus, der zu einem erhöh­ten Zustan­de beson­ders geeig­net, zu wir­ken. Er brach­te die­sen erhöh­ten Zustand, in dem ein pro­phe­ti­scher Geist in dem Mäd­chen auf­glüh­te, durch künst­li­che Mit­tel her­vor – denkt an Mes­mer und sei­ne furcht­ba­ren Ope­ra­tio­nen – und ver­setz­te sie jedes­mal, wenn sie wahr­sa­gen soll­te, in die­sen Zustand. Ein unglück­li­ches Unge­fähr ließ ihn wahr­neh­men, daß die Klei­ne nach emp­fun­de­nem Schmerz vor­züg­lich reiz­bar war, und daß dann ihre Gabe, das frem­de Ich zu durch­schau­en, bis zum Unglaub­li­chen stieg, so daß sie ganz ver­geis­tigt schien. Und nun gei­ßel­te sie der ent­setz­li­che Mensch jedes­mal vor der Ope­ra­ti­on, die sie in den Zustand des höhern Wis­sens ver­setz­te, auf die grau­sams­te Wei­se. Zu die­ser Qual kam noch, daß Chia­ra, die Ärmste, oft tage­lang, wenn Seve­ri­no abwe­send, sich zusam­men­krüm­men muß­te in jenem Ver­schlag, damit, drän­ge selbst jemand in das Kabi­nett, doch Chiaras Gegen­wart ein Geheim­nis blie­be. Eben­so mach­te sie die Rei­sen mit Seve­ri­no in jenem Kas­ten. Unglück­li­cher, fürch­ter­li­cher war Chiaras Schick­sal als das jenes Zwer­ges, den der bekann­te Kem­pe­len mit sich führ­te, und der, in dem Tür­ken ver­steckt, Schach spie­len mußte.

E.T.A. Hoff­mann: Lebens­an­sich­ten des Katers Murr (1820)