Platonisch

Ein mächtiger Variantenkomplex ist das Königsgambit, eine Hohe Schule der Taktik, Wildwest im Schach. Bereits 1571 untersuchte Ruy Lopez gründlich diese klassische Eröffnung; doch ist sie vermutlich viel älter. Alle großen Meister haben sich mit dem Königsgambit beschäftigt; ihr Urteil schwankte, und es schwankt auch heute noch. Das kommt zum Teil daher, daß die Liebe zum Königsgambit ein bißchen platonisch geworden ist. Jeder erfreut sich an seinem Reichtum von schönen und überraschenden Ideen; aber nur wenige wagen es, sich in den fast unübersehbaren Strudel zu stürzen. Es gibt ja leider bequemere Eröffnungen.

Kurt Richter und Rudolf Teschner: Schacheröffnungen (1981)

Orang-Utan

So merkwürdig der Name dieser Eröffnung ist, sind auch oft die daraus entstehenden Partien. Weitab vom wissenschaftlichen Getriebe entwickelt sich hier ein fast lustiges Geschehen auf dem Brett. Der „Affe“ (der Bb2) klettert empor, hält an, stutzt, geht weiter oder schlägt nach rechts – kurzum, es gibt viele neue Bilder, abseits von Routine und Schematik. Und das haben wir Schachspieler einmal sehr nötig, aus dem Alltag herausgerissen zu werden und neue Eindrücke zu empfangen.

Kurt Richter: Geleitwort zu Leonard Schiffler: Orang-Utan-Eröffnung (1953)