Heu­te ein paar Gedan­ken zu einer Eröff­nungs­va­ri­an­te, die ihr Dasein eher in der Dun­kel­heit führt. Die meis­ten tref­fen wäh­rend einer der ers­ten Trai­nings­stun­den auf sie, wo sie einem dann von enga­gier­ten Trai­nern sofort aus­ge­trie­ben wird und in den dunk­len Win­dun­gen des Gehirns gleich neben „gern laut Musik hören“ und „Nase boh­ren“ gespei­chert wird.

Schif­fers – Tschigorin
St. Peters­burg, 1897
C40 Damia­nos Verteidigung

1.e4 e5 2.Sf3 f6

Na, sehe ich da bei eini­gen Lesern ers­te Anzei­chen von Haut­aus­schlag? Und ist da das rascheln­de Geräusch von sich auf­rol­len­den Fuß­nä­geln?! Jeder, der sei­ne ers­ten Geh­ver­su­che beim Schach bei einem Ãœbungs­lei­ter gemacht hat, der fort­wäh­rend von „Figu­ren ent­wi­ckeln“, „Zen­trum beset­zen“, „Rocha­de machen“ usw. gespro­chen hat, dem dürf­te beim Anblick von 2.…f6 wie­der das lieb­li­che Brül­len des besag­ten Ãœbungs­lei­ters im Ohr schal­len, als man selbst man­gels bes­se­ren Wis­sens zu die­sem Zug gegrif­fen hat. Sofort bekam man zu hören „Nimm den Zug zurück! Sofort! Da gehört der Sprin­ger hin!“ Beschei­de­ne Anmer­kun­gen, z.B. der Sprin­ger kön­ne noch nach h6 oder e7 wur­den mit ver­nich­ten­der Argu­men­ta­ti­on pul­ve­ri­siert. Denn auf e7 wird ja der Läu­fer ein­ge­sperrt und Sprin­ger am Ran­de bringt Kum­mer und Schan­de (an die­ser Stel­le mur­melt wahr­schein­lich jeder 8–12jährige trot­zig: „stark und gewan­de“ oder „bla­bla­bla“). Die Opti­on zuerst, den Läu­fer f8 raus zu schi­cken, dann das Ross nach e7 wird genau­so­we­nig mit Beach­tung bedacht, wie die Mög­lich­keit, den König mit­tels lan­ger Rocha­de zum Damen­flü­gel zu beor­dern. Die wider­spruch­tö­ten­de Auto­ri­tät des ers­ten Trai­ners for­dert ziel­stre­bi­ge (!) Ent­wick­lung, kur­ze Rocha­de und bloß nicht so ein Teu­fels­kram asche­ma­ti­sches Spiel.

Damit wir uns nicht falsch ver­ste­hen, ich wür­de mir auch fünf­mal über­le­gen, ob ich zu f6 grei­fe. Ich hab halt auch mehr klas­si­schen Input bei mei­nen ers­ten Geh­ver­su­chen erhal­ten. Trotz­dem ist die­ser Zug bestimmt nicht der aller­schlech­tes­te, den man fin­den kann und zu inter­es­san­ten Par­tien kann er sowie­so füh­ren. Ich war­te nur auf den Tag, an dem unser Held Alex­an­der Moro­se­witsch das Abspiel mal einem Test unter­zieht und mit neu­en Ideen ver­sieht. Bis dahin grei­fen wir auf die Inter­pre­ta­ti­on eines ande­ren Welt­klas­se­spie­lers zurück, wenn sie auch etwas älter ist.

3.Sxe5

3.Lc4! fin­de ich per­sön­lich effek­ti­ver. Aus ästhe­ti­schen Grün­den hege ich aller­dings eine leich­te Prä­fe­renz für 3.Sxe5. Fetzt halt ziem­lich, im drit­ten Zug unge­straft eine Figur rein­ja­gen zu dürfen.

3…De7

3…fxe5 4.Dh5+ Ke7 5.Dxe5+ Kf7 6.Lc4+ d5 7.Lxd5+ Kg6 8.h4 h5 9.Lxb7 Ld6 10.Da5 Lxb7 11.Df5+ Kh6 12.d4+ g5 13.Df7 Lf4 14.hxg5+ Dxg5 15.Lxf4 Sf6 16.Dxf6+ Kh7 17.Df7+ Kh6 18.Txh5# kennt man natür­lich, oder!?

4.Sf3 d5 5.d3 dxe4 6.dxe4 Dxe4+ 7.Le2 Sc6 8.0–0 Ld7 9.Sc3 Dg6

9…De6 10.Lf4 0–0‑0 11.Sb5 Le8 12.Ld3 Ld6 13.Te1 Dg4 14.Lxd6 cxd6 15.Txe8 West­mann-Havan­ski, Stu­den­ten-WM, Kra­kau, 1964

10.Se5 Sxe5 11.Lh5

Ok, die Frau ist ver­kauft. Aller­dings nicht pro­blem­frei. Jetzt ist Krea­ti­vi­tät gefragt.

11…0–0‑0 12.Lxg6 hxg6 13.De2 Ld6 14.Se4 Sf3+ 15.gxf3 Lxh2+ 16.Kg2 Lh3+ 17.Kh1

17.Kxh2 Lxf1+-+

17…Le5 18.Kg1 Lh2+ 19.Kh1 Le5 20.De1?

20.Kg1=

20…Lg4+?

20…Lxf1+ 21.Kg1 Lc4 bringt Schwarz einen fühl­ba­ren Vor­teil und hät­te die­ser Schat­te­n­er­öff­nung ein wenig mehr Anse­hen ver­schaf­fen kön­nen. Ich gebe zu, an der Eröff­nung lag es wohl nicht, aber gute Ergeb­nis­se haben schon so manch anrü­chi­ges Sys­tem am Leben erhalten.

21.Kg1 Lxf3 22.Sg3 Se7 23.De3 Lc6 24.Dxa7 b6 25.Le3 Sf5 26.f4 Sxg3 27.fxe5 Th1+ 28.Kf2 Th2+ 29.Kxg3 Tdh8 30.Da6+ Kb8 31.Lxb6 Tg2+ 32.Kf4 Th4+ 33.Ke3 Th3+ 34.Kf4

34.Kd4 Td2+ 35.Kc4 (35.Dd3!+-) 35…Txc2+ 36.Kb4 Txb2+ 37.Kc5 Tc2+=

34…Th4+

Dan­ke, Mikha­el! Moro, über­neh­men Sie!

½-½

CH