KURT SANDERLING
Ja. Aber wissen Sie, wer mich weghaben wollte?

JAN BRACHMANN
Parteifunktionäre wahrscheinlich.

KURT SANDERLING
So darf man’s auch nicht sehen. Es ist nicht so, dass mich die kleinen Funktionäre weghaben wollten. Sondern mein Fall hängt zusammen mit einer Gepflogenheit, die dort herrschte: Vor großen Parteitagen oder Parteikongressen fanden immer Reinigungen des Apparats statt von Leuten, die nicht genügend auf Parteilinie waren. Nun stand 1952 ein großer Kongress der Partei bevor, der letzte übrigens, an dem Stalin noch teilnahm, obwohl er schon nicht mehr redete. Und da musste in Leningrad auch gesäubert werden. Also ging eine Kommission im Sommer durch die ganzen Kulturinstitute, nahm sich die Personalakten vor und fand einen Mann mit einem so unrussischen Namen. Jude war er auch. Und – shocking! – studiert hatte er auch nicht laut seiner Akte. Das war doch ein wunderbarer Fall, der als Beispiel dafür gelten konnte, wie unaufmerksam gewisse Teile des Apparates waren. Und so wurde ich einfach – ohne Kenntnis dessen, was das für Leningrad bedeutete – auf Grund meiner Biografie zur Disposition gestellt.

JAN BRACHMANN
Waren Sie der Einzige?

KURT SANDERLING
Nein. Ich war einer von drei Leuten: Der zweite war der Direktor des literaturwissenschaftlichen Instituts, Eichenbaum, ein hochverdienter Wissenschaftler, der als kleiner Junge noch mit dem alten Lew Tolstoi Schach gespielt hatte, aber nun sehr alt war und gewiss vielen Vorstellungen einer normalen Parteikarriere nicht entsprach. Wer der dritte war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass alle drei Juden waren.

(Berliner Zeitung, 22.09.2007)