Wenn wir die Überschrift mal als einen sehr kurzen Dialog betrachten, dann möchte ich hier eine Lanze für den Neinsager brechen. Als Begründung werfe ich gleich mal einige Überlegungen zum Remis hinterher. 

Ich finde nämlich, es sollten viel mehr Remisgebote abgelehnt werden. So! Bevor ich beginne, das weiter auszuwalzen, bitte ich, auf einen für mich wichtigen Unterschied zu achten: nämlich dem zwischen einer „remisen“ und einer „ausgeglichenen“ Stellung. „Remis“ ist eine Stellung für mich dann, wenn als Gewinnoptionen nur noch die Zeit oder aber endloses, unkreatives Ziehen, das auf einen Einsteller des anderen hofft, bleiben. In diesen beiden Fällen kann man wohl ruhig einwilligen und ohne überflüssige Zeitverschwendung an den Gedankenaustausch in Form der Analyse gehen.

Zurück ans Brett und in die Realität! Man sitzt so da, spielt, überlegt, rechnet oder geht gelangweilt durch den Turniersaal und auf einmal wird man mit einem Remisangebot des Gegenübers konfrontiert! Was könnte diesen dazu bewogen haben, gerade jetzt eine Punkteteilung zu offerieren? Die Stellung ist remis. Gut, der Fall ist klar: annehmen und den Rest des Tages sinnvoll gestalten!

Anderer Fall! Die Stellung ist ausgeglichen, lässt aber durchaus noch die Entwicklung einiger Ideen zu, die nicht nur auf völlige geistige Umnachtung des Gegners bauen. Warum dann jetzt schon annehmen? Wenn Ausgleich ein Kriterium wäre, hätte ich schon arge Probleme, die Grundstellung in Angriff zu nehmen (und wer jetzt behauptet, Weiß hat in der Grundstellung einen Vorteil, der weise mir das bitte nach. Und zwar nicht nur anhand diverser Erfolgsstatistiken. Analysen sind gefragt!). Hat der Gegner vielleicht Angst? Gut, ist doch ein Grund weiter zu spielen. Das kann ja nur seine Objektivität beeinflussen.
Hat er keinen Bock mehr? Hervorragend, dann könnte sich Oberflächlichkeit einschleichen und das Stellungsgleichgewicht neigt sich zu meinen Gunsten.

Sieht er Varianten, die schlecht für ihn enden, die in Wirklichkeit aber nicht existieren? Macht nix! Vielleicht fürchtet er sich so sehr, dass er eben diese Varianten (unnötigerweise) meidet und sich mit anderen, realen Nachteilen zufriedengibt.

Betrachtet er die Stellung als „remis“? Wenn die Stellung noch Platz für sinnhafte Gewinnversuche lässt, kann man die vor Remisschluss bestimmt noch austesten. Zumal sie dem Gegner entgehen könnten. Schließlich ist die Stellung in seinen Augen „remis“ und er braucht so seiner Meinung nach nur die Puppen zusammmen zu halten.
Wovor man sich nach dem Ablehnen eines Angebots allerdings hüten sollte, ist sich zum Gewinnen verpflichtet zu fühlen. Schließlich ist die Stellung im Zweifelsfall nur ausgeglichen und das korrekte Ergebnis lautet somit Unentschieden. Nur ist Spielen eben nicht verboten, sondern vom Spielgedanken her sogar ausdrücklich gefordert, also heißt’s dem inneren Schweinehund ein Würstchen hinzuwerfen, damit er Ruhe gibt und weitergespielt.

An dieser Stelle bleibt mir noch anzumerken: „Ich bin nicht frei von Schuld! Ich habe mich diverser Kurzremisen schuldig gemacht!“ Für jedes kann ich einen in meinen Augen plausiblen Grund angeben. Trotzdem ist zumindestens die Zahl meiner ausgespielten Partien in letzter Zeit gestiegen und ich behaupte, so hatte ich mehr vom Schach.

CH