Lichess und der Krieg

Ich habe vor ein paar Wochen damit aufgehört, auf dem Schachserver gegen russische Mannschaften anzutreten. Mein Verein spielt seit über zwei Jahren in der Lichess-Liga mit, zweimal die Woche. Ich bin der Mannschaftskapitän und habe praktisch nie ausgesetzt, auch wenn ich nur noch ein Pflichtgefühl und keine Lust mehr hatte. Das ist plötzlich vorbei.

Manchmal versuche ich, auf dem Server mit den russischen Spielern, gegen die wir am nächsten Spieltag antreten sollen, über den Krieg ins Gespräch zu kommen. Die allermeisten antworten mir nicht, aber heute erklärte mir einer, warum er für den Krieg ist (ohne das Wort Krieg zu benutzen, natürlich). Er spulte die gesamte russische Propaganda ab: das Azow-Bataillon, der Rechte Sektor, Bandera, die Unterdrückung der Russen in der Ukraine, die Denazifizierung, der Schutz der Zivilisten etc. In der Ukraine wehten überall faschistische Fahnen, die sowjetischen Denkmäler würden geschändet, die russische Kultur sei im Westen verboten und der Großvater von Olaf Scholz ein SS-General gewesen, kein Wunder. Auch in Deutschland gäbe es Nazis. Ich fragte ihn, ob das aus seiner Sicht ein Grund wäre, auch hier einzumarschieren. Er ließ die Frage unbeantwortet.

Ich habe auf dem Schachserver bisher keinen einzigen Russen getroffen, der sich gegen den Krieg ausgesprochen hätte, noch nicht einmal in Andeutungen. Immerhin beutzen einige inzwischen die weiß-blau-weiße Fahne in ihrem Profil (die russische Fahne ohne Blut). 

Der Server lässt russische Mannschaften weiter zu und jeder, der will, kann weiterhin unter der russischen Fahne spielen. Sogar der Weltschachverband ist da weiter und das will etwas heißen. Wenn man im Forum von Lichess die Frage aufwirft, ob das in Ordnung ist, kommen immer zwei Antworten: 1) Sport habe nichts mit Politik zu tun und 2) man sei russophob. 

Lichess ist vollständig spendenfinanziert. Ich überweise seit mehreren Jahren fünf bis zehn Euro im Monat dorthin. Es ist alles so traurig.

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