Schachblätter

Malmö Open 2015 (2)

Aus päd­ago­gi­schen Grün­den habe ich mich gezwun­gen, mir alle mei­ne Par­tien aus Mal­mö noch ein­mal anzu­schau­en. Die Höhe­punk­te zei­ge ich hier zur all­ge­mei­nen Erbau­ung vor.

1. Run­de mit Weiß gegen GM Ralf Ã…kesson (2421)

Das Mal­mö Open wird mit modi­fi­zier­tem Schwei­zer Sys­tem gespielt. Wenn ich es rich­tig ver­stan­den habe, wer­den die ers­ten bei­den Run­den inner­halb von Wer­tungs­grup­pen aus­ge­lost. Jeden­falls bescher­te mir das Los einen Großmeister.

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Nach­dem sich der Schwar­ze nahe­zu opti­mal auf­ge­baut hat­te, ver­lor ich hier die Ner­ven und spiel­te den ein­zi­gen ver­blie­be­nen Hebel 25.e4?!, der wie durch ein Wun­der nach 25…dxe4 26.Lxc4 Lxc4 27.Dxc4 exf3 28.Te1 zu gehö­ri­ger Ver­wir­rung in der begin­nen­den Zeit­not (die ers­ten vier Run­den wur­den mit 55 Minu­ten + 5 Sekunden/Zug gespielt) und am Ende in ein remi­ses Tur­m­end­spiel führ­te. Frei­lich hät­te 25…Sa3 mit Demas­kie­rung des Le6 sofort eine Qua­li­tät ver­ein­nahmt. Glück gehabt (0.5/1). Mein Geg­ner gab danach nichts mehr ab und wur­de ein wenig sen­sa­tio­nell Turniersieger.

2. Run­de mit Schwarz gegen FM Dra­zen Dra­gice­vic (2305)

Zur Beloh­nung gab es am Sams­tag­mor­gen einen Fide­meis­ter aus Lund. Dra­zen erschien noch spä­ter als ich mit Kaf­fee und Stul­le am Brett und bau­te in aller Ruhe ein Dop­pel­fi­an­chet­to auf.

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Das Bau­ern­op­fer war durch­aus beab­sich­tigt, Schwarz hat eini­ges Spiel, Weiß aller­dings eine plum­pe Dro­hung, so dass die Zug­aus­wahl beschränkt war. Ich spiel­te den fal­schen Zug: 21…Le5? (Das hat­te ich schon vor dem Bau­ern­op­fer als Remi­send­spiel »ausanalysiert«. 21…Se6 22.De4 Dh4 wäre sehr ange­nehm gewe­sen, erst recht bei ver­kürz­ter Bedenk­zeit. Weiß muss ein paar Fra­gen beant­wor­ten) 22.Dxe5 Dxe5 23.Lxf7+ (mit Schach­ge­bot, den hat­te ich tat­säch­lich ver­ges­sen) 23…Txf7 24.Lxe5 Sxb3 und obwohl auch das noch nicht chan­cen­los ist, war mei­ne arm­se­li­ge Tech­nik natür­lich voll­kom­men unzu­rei­chend (0.5/2).

3. Run­de mit Schwarz gegen Jan­nis Troy­ke (1780)

Zur Stra­fe Rück­sturz an Tisch 70, wo einer der drei ande­ren deut­schen Tur­nier­teil­neh­mer auf mich war­te­te, das Stral­sun­der Talent Jan­nis Troyke.

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Jan­nis sprang mich direkt mit einem Bau­ern­op­fer an, und ich hat­te ein paar ban­ge Minu­ten, um mir klar­zu­ma­chen, dass nach 9…Dd7 10.Sd4 Sc5 alles zusam­men­hält. Mein Geg­ner zeig­te anschlie­ßend die übli­che Kin­der­krank­heit, alle 30 Sekun­den einen Zug zu machen, wodurch ich nach der Par­tie noch eini­ge väter­li­che Hin­wei­se los­wer­den konn­te (1.5/3).

4. Run­de mit Weiß gegen Micha­el Käl­l­ström (1849)

Micha­el Käl­l­ström ist ein sehr ange­neh­mer Spie­ler aus Got­land und ich hat­te nach der Par­tie ein schlech­tes Gewis­sen, dass er mei­nen letz­ten Trick 

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52.e4 über­se­hen hat­te, nach dem ich wegen des Abzugs auf der lan­gen Dia­go­na­len die Fes­tung stür­men und den aller­letz­ten Ver­such g3-g4 ver­mei­den konn­te (2.5/4).

5. Run­de mit Schwarz gegen Ham­pus Sören­sen (1921)

Am Sams­tag­abend saß mir in der ers­ten der ver­blei­ben­den drei Lang­par­tien (110 Minu­ten + 10 Sekunden/Zug) ein zwölf­jäh­ri­ger Jun­ge gegen­über, der fast am Brett ein­schlief (das Tur­nier geht am zwei­ten Tag über zehn Stun­den, was wirk­lich eine Her­aus­for­de­rung ist). Da Schwe­den aber voll von ehr­gei­zi­gen Sport­lern ist (Ham­pus ist die Nr. 2 in der schwe­di­schen U14), soll­te man dar­auf nichts geben.

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In der Tat über­leb­te ich das Mit­tel­spiel nur knapp, um dann fest­zu­stel­len, dass ich die­ses End­spiel trotz Läu­fer­paars nicht gewin­nen konn­te. Der bes­te Ver­such wäre noch 28…La6 gewe­sen, 28…Lg5 sah zwar beein­dru­cken­der aus, aber lei­der ist der wei­ße König nach ein­fach 29.Sd3 Ld5 30.Kf2 recht­zei­tig bei einem schwar­zen Frei­bau­ern (3/5).

6. Run­de mit Weiß gegen Finn Bro­man (1959)

Die Aus­lo­sung mein­te es am Sonn­tag­mor­gen gut mit mir: Weiß gegen einen schlag­ba­ren Geg­ner, der für sei­ne ers­ten fünf Züge 45 Minu­ten Zeit nahm und offen­bar Musik macht. Es wur­de mei­ne schlech­tes­te Par­tie (Ach­tung: vier Diagramme).

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Wenn Schach ein logi­sches Spiel ist, gehört der Läu­fer nach e7 und nicht nach d6 und muss 12.d5 funk­tio­nie­ren. Es funk­tio­niert auch: 12…exd5 13.exd5 Lxd5 14.Lb5 Lxf3 und jetzt nicht 15.Dxf3, wie ich allein berech­net habe, son­dern 15.Dxd6 und aus. Statt­des­sen kam 12.Te1 e5 und ich ver­stand, was der Läu­fer auf d6 eigent­lich sollte.

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Irgend­wie hat­te ich dann doch einen Bau­ern gewon­nen und hier gedank­lich schon den vol­len Punkt ver­bucht (4/6 ist eine schö­ne Basis für die letz­te Run­de). 29.fxg5?? und jetzt kam nicht 29…hxg5 30.Tdf1, son­dern ganz tro­cken 29…Txe6. Zwei­zü­gig eine Figur ein­ge­stellt. Die Par­tie war gelau­fen. 29.Tf7 hät­te das Motiv aus der Stel­lung genom­men und ein­fach gewon­nen (f4-f5+).

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Wie durch ein Wun­der war die Par­tie hier auf ein­mal wie­der gewon­nen, ich habe zwar alles mög­li­che nach 33.g6+ oder 33.gxh6 berech­net, aber nicht dar­an gedacht, dass man die Zug­fol­ge auch ver­tau­schen kann: 33.e8D+! Txe8 34.g6+! Kf8 35.g7+ und Weiß hat ein gewon­ne­nes Endspiel.

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Nur der Voll­stän­dig­keit hal­ber: Selbst hier war noch ein Remis mög­lich: 36.h7 Th6 27.g5 Txh7 28.e8D+ Lxe8 29.g6+ Kxg6 30.Txe8.

Danach war der Kopf leer und ich dach­te über Tur­nier­ab­bruch und Kar­rie­re­en­de nach (3/6).

7. Run­de mit Weiß gegen FM Tom Ryd­ström (2266)

Ein 18-jäh­ri­ger frisch­ge­ba­cke­ner Fide­meis­ter ist nicht gera­de ein Traum­los nach so einer Partie.

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Schwarz sieht bedroh­lich aus, aber ich fand zu sei­ner Ãœber­ra­schung 36.fxg5!, wonach Schwarz schon auf­pas­sen muss, die Par­tie nicht zu ver­lie­ren. Weiß droht das Feld e4 frei­zu­kämp­fen. 36…hxg5 37.g4! e4+ 38.Ke3 Sg3 39.gxf5 Ke5 40.f6! Sf5+ 41. Ke2 Sd6 und ich woll­te das Schick­sal nicht mit 42.Sb3 und Bau­ern­ge­winn her­aus­for­dern (der Rech­ner will sogar 42.b4 sehen) und nahm die Zug­wie­der­ho­lung (3.5/7).

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4 Kommentare

  1. Wie im wirk­li­chen Leben: Mal ist man unten, mal ist der ande­re oben. Bei die­sem anstren­gen­den Modus sind Feh­ler auch der grö­be­ren Sor­te kaum ver­meid­bar; ich spie­le daher grund­sätz­lich kei­ne Tur­nie­re im Nor­mal­schach mit Dop­pel­run­den. (Spöt­ter wer­den mich fra­gen, wann denn mein letz­tes Tur­nier mit Ein­zel­run­den gewe­sen ist – dürf­te etwa 25 Jah­re her sein. Seit­dem nur Mann­schafts­kämp­fe und Tur­nie­re im Modus »einmal die Woche abends«.)

    Offen­bar ver­hin­der­te aber die Teil­nah­me in Mal­mö das Sil­ves­ter­rät­sel 2015?!

  2. Wir haben das als Schnell­schach ange­se­hen und aus­drück­lich nur zum Spaß gespielt. Dann war es erträg­lich. Aber bei dem Modus braucht man zwi­schen­durch eigent­lich ein, zwei Kurz­par­tien, was nicht zu schaf­fen ist, weil die Schwe­den offen­bar grund­sätz­lich nie­mals Remis machen.

    Das Sil­ves­ter­rät­sel ist lei­der all­ge­mei­ner Ãœber­for­de­rung zum Opfer gefal­len (Mal­mö war am 4. Advent), wie auch schon der zehn­jäh­ri­ge Geburts­tag die­ses klei­nen Blogs :)

  3. Das Stral­sun­der Talent aus Run­de 3 trai­niert seit 1,5 Jah­ren bei uns. (Er geht in Greifs­wald zum »Strebergymnasium«.)
    Gegen dich kann er natür­lich noch nicht mit­hal­ten – aber wir arbei­ten dran.…. ;-)

  4. Gibt’s mal wie­der was Neu­es hier? :o

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