Fred Hel­ler hat­te noch einen Bru­der, Sil­vio. Sil­vio besaß nicht die kri­mi­nel­le Ener­gie von Fred, dafür aber spiel­te er Schach. Die Brü­der wohn­ten zusam­men, und wäh­rend Fred & Co. im Wohn­zim­mer die übels­ten Geschäf­te mach­ten, spiel­te ich mit Sil­vio in der Küche Schach. Er hat­te eine etwas eige­ne Regel­aus­le­gung, aber ich akzep­tier­te das, weil, so erzähl­te er mir ein­mal, wäh­rend er sei­nen Läu­fer auf die Schnaps­fla­sche stell­te und mir, bezie­hungs­wei­se mei­nem König, von dort aus Schach bot, sie ihn zu Zonen­zei­ten im Ghet­to medi­zi­nisch ver­pfuscht hät­ten und er nur noch ein paar Jah­re zu leben hät­te. Da muss­te was dran sein, denn er zog ein Bein nach, und sein lin­ker Arm war fast lahm. Außer­dem mach­te sein Gesicht manch­mal schreck­li­che Ver­ren­kun­gen, er ver­dreh­te die Augen, bis das Wei­ße grün wur­de, und schlug mit dem Kopf immer wie­der aufs Schach­brett (ich hat­te furcht­ba­re Angst, einer der spit­zi­gen Läu­fer könn­te ihm im Auge ste­cken blei­ben). Das Gan­ze hat mich so beein­druckt, dass sogar in Gewinn­stel­lun­gen, wenn, nach sei­ner Regel­aus­le­gung, mein Sprin­ger sei­nen König ver­ge­wal­tig­te, ich fix auf­gab, das heißt mei­nem König den Kopf abbiss und ihn ins Vier-Ster­ne-Tief­kühl­fach steck­te und zu Fred & Co. ins Wohn­zim­mer flüch­te­te und die übels­ten Geschäf­te machte.

Cle­mens Mey­er: Als wir träum­ten (2006)