Wann soll­te man eine Schach­par­tie auf­ge­ben? Die­se Fra­ge stell­te sich in der 3. Run­de der Ober­li­ga Nord­ost. Nach vier Stun­den führ­ten wir über­ra­schen­der­wei­se und unein­hol­bar mit 4.5 zu 2.5 gegen die Mann­schaft vom SK Zehlen­dorf II. Am drit­ten Brett ver­tei­dig­te Mal­te Stop­sack gegen Wer­ner Rei­chen­bach ein Schwer­fi­gu­renend­spiel mit Dame und Turm bei zwei Minus­bau­ern. Die Stel­lung war objek­tiv gewiss ver­lo­ren, aller­dings gab es auf der halb­of­fe­nen g‑Linie noch etwas Gegen­spiel gegen den wei­ßen König.

Unge­fähr zu die­sem Zeit­punkt sprach mich ein Zehlen­dor­fer Spie­ler an. „Was will der denn? War­um spielt er noch wei­ter? Wir müs­sen los! Wir haben noch drei Stun­den Auto­fahrt vor uns!“ Ich gab zu beden­ken, dass jeder so lan­ge spie­len kön­ne, wie er wol­le. Mein Geg­ner habe ja auch – voll­kom­men zu recht – mit einer Minus­fi­gur wei­ter­ge­spielt, bis ich die ver­blie­be­nen Pro­ble­me habe lösen kön­nen. Außer­dem hät­ten wir in jeder Ober­li­ga-Sai­son vier bis fünf sol­cher Aus­wärts­spie­le (an die Fahrt nach Cott­bus hat­te ich in die­sem Moment noch gar nicht gedacht) – für Ber­li­ner Ver­ei­ne offen­bar kei­ne schö­ne Vorstellung.

Das hin­der­te den Zehlen­dor­fer Spie­ler aber nicht dar­an, beim nächs­ten Mal Mal­te per­sön­lich zur Rede zu stel­len, als die­ser vom Brett auf­ge­stan­den war. Ich war bei die­sem Gespräch nicht zuge­gen, jeden­falls sah sich Mal­te ver­an­lasst, auf Nach­fra­ge dar­über dem Schieds­rich­ter zu berich­ten. Der Zehlen­dor­fer Spie­ler ver­lies das Spiel­lo­kal und kurz dar­auf setz­te sich das ers­te Auto der Gäs­te in Rich­tung Ber­lin in Bewegung.

Nach über 60 Zügen hat­te Wer­ner Rei­chen­bach die letz­ten Dro­hun­gen gegen sei­nen König abge­wehrt und in ein gewon­ne­nes Tur­m­end­spiel abge­wi­ckelt. Mal­te gab auf – mit 40 Minu­ten auf der Uhr. Sein Gegen­spie­ler hat­te sei­ne Züge sorg­fäl­tig über­legt und noch etwa 25 Minu­ten Rest­be­denk­zeit. Mal­te ver­si­cher­te, dass er die Par­tie nicht über Gebühr habe in die Län­ge zie­hen wol­len. Herr Rei­chen­bach hat­te damit über­haupt kein Pro­blem und fand es voll­kom­men in Ord­nung, dass der Schwar­ze so lan­ge gespielt hat­te. Schließ­lich sei die Stel­lung ja nicht völ­lig klar gewesen.

Dann konn­te auch das zwei­te Zehlen­dor­fer Auto fahren.