Gehoben

Die Christen feiern in Bagdad – Neujahr und schreiben das Jahr 897. Die christlichen Weinwirte sind sehr freigebig gewesen – gaben in der letzten Nacht so manchen dicken Weinschlauch zum Besten. Man darf sich also nicht wundern, daß sich Bagdad an diesem christlichen Neujahrsmorgen in recht gehobener Stimmung befindet. Abu Hischam, der mit Kodama fast die ganze Nacht Schach gespielt hat, kehrt noch auf der Tigristerrasse ein – da lärmen die Tofailys. Abu Hanifa und Hamadany sind auch da. Die Tofailys zanken natürlich.

Paul Scheerbart: Tarub, Bagdads berühmte Köchin. Arabischer Kulturroman (1897)

Weibsbild

Der Henker, der jetzt die Chalifenburg ganz und gar unter sich hat, den selbst die allmählich immer mehr aufkommenden Freunde der Zobaïda und Holagga umschmeicheln, redet wie ein ächter Staatsmann, bekämpft in erster Linie den Anhang der Prinzen Emin und Mamun. Und dann verlangt der rothe Mann, Holagga solle mit ihren Sängerinnen ein paar wehmüthige Lieder singen, um den Chalifen weicher zu stimmen. Die Holagga erklärt sich bereit, wenn Masrar so freundlich sein wolle, mit ihr eine Parthie Schach zu spielen. Und sie gehen in die stille Fischerhütte, die oben auf dem Veilchenhügel steht; die Holagga ist ein wildes Weibsbild, das vortrefflich Schach spielen kann.

Paul Scheerbart: Der Tod der Barmekiden (1897)

Bücherkiosk

Er denkt an jenen Morgen, an dem er auch in Fieberstimmung zum Astronomen kam – um der Tarub willen. Jetzt kommt er wieder in fieberhafter Aufregung zum Astronomen – wieder Tarubs wegen. Und wie damals – sitzt ihm auch jetzt – eigentlich die Dschinne mehr auf den Fersen als die berühmte Köchin. Er blickt über die Stadt hin, die nun in der heißen Sonne mit den hohen Palmen und den weißen Häusern, mit der hochgelegenen bunten Kalifenburg, mit den bunten Moscheen und den schlanken Minaretts wie ein zartes feines Feenland daliegt – wie eine wirkliche Stadt des Heils. Blau fließt der Tigris zur Linken des Dichters – in der Tiefe – und drüben wohnt Al Battany. Safur ist bald wieder in der alten Olivenallee und dann im Bücherkioske, den die bunten Tulpen umblühen… Auf den kurzgeschorenen Rasen krächzen die alten Papageien. Auf den orangefarbigen, nicht gemusterten Fliesengängen kommen dem Dichter zwei Inder entgegen, die grade im Bücherkioske Schach gespielt haben. Die Inder kommen dem Safur noch steifer und stolzer vor als die andren Menschen. Der Bücherkiosk, der wie eine Krone daliegt, wirkt den Indern gegenüber ganz einfach und bescheiden wie ein Fischerhäuschen. Safur wirft den Kopf in den Nacken zurück und mustert die Inder, sein braun und blau gestreiftes Beduinengewand zieht er dabei geschickt in schwungvolle Falten. Die Inder lächeln – ihre goldgestickten Kleider sind viel schöner.

Paul Scheerbart: Tarub, Bagdads berühmte Köchin. Arabischer Kulturroman (1897)