Der stärkere Spieler

In der letzten Runde der Landesmeisterschaften im Schnellschach rückte ich mit 4,5/6 nochmal an das 1. Brett. Ich spielte mit Schwarz gegen Hannes Knuth, den Abonnement-Landesmeister aller Klassen. Hannes hatte meine kleine Katastrophe aus der 5. Runde gegen Robert Jaster mit einigem Stirnrunzeln beobachtet. Besonders missfiel ihm mein Remisgebot. „Er ist der bessere Spieler, du hast die schlechtere Zeit. Warum denkst du an Remis?“ Diese kleine Vorgeschichte erlärt vielleicht den nachfolgenden Partieverlauf etwas besser. Ich hatte zuletzt Sf6-d5 gezogen (Diagramm), mit der thematischen Suche nach einem entlastenden Figurentausch und erwartete nun 16.Se4.

Stattdessen:

16.Lxd5 exd5

Nanu? Er wird doch wohl nicht etwa…

17.Lxg7

Tatsächlich. Gegen so einen schwachen Spieler wie mich sind irrationale Opfer immer eine gute Wahl.

17…Lxg5

Fritz will das kaltblütige 17…Te8 18.Sxf7 Kxf7 sehen, das habe ich noch nicht einmal in Betracht gezogen. Mir gefiel ja die nach

18.Lxf8 Dxf8

entstehende Stellung.

19.De5

Hiervor stutzte Hannes kurz, der bis jetzt keine fünf Minuten Bedenkzeit in die Partie investiert hatte. Offenbar sah er auch die nachfolgende Abwicklung.

19…Dg7 20.Dxd5 Lc6

Gleich bekommt der Lg5 einen schönen Abzug, ermöglicht durch die plumpe Mattdrohung auf g2.

21.De5 Ld2

Ohne großes Überlegen – ist ja Schnellschach.

22.d5

22…Lxc3

Aber hier hätte ich einen Moment überlegen sollen. 22…Lxe1 23.Dxg7+ Kxg7 24.dxc6 Lxc3 25.cxb7 Tb8 26.Tb1 Kf6 ergibt ein aussichtsreiches Endspiel. Wieder ein simpler Denkfehler. 22…Lxc3 sah einfach zu gut aus – greift alle drei Schwerfiguren an und – verliert ein Tempo.

23.Dxg7+ Kxg7 24.dxc6 bxc6 25.Kf1 Tb8

Und das ist ein richtiger Bock. „Es kann ja nur ein Turm wegziehen.“

26.Tac1

Gibt das Kompliment zurück, bei immerhin 20 Minuten auf der Uhr. 26.Tab1 und Weiß behält die Qualität.

26…Lxe1 27.Kxe1 Tb4 28.a5 Tb5 29.Txc6 Txa5

Mit Remisgebot. Ich bin der schlechtere Spieler, ich habe die schlechtere Zeit. Da tat Hannes gut daran, das Turmendspiel mit f‑, g- und h‑Bauern gegen a‑, f- und h‑Bauern einfach weiterzuspielen. Und tatsächlich schaffte ich es, dieses Endspiel mit 30 Sekunden auf der Uhr bei jeweils einem verbliebenen Bauern noch zu verlieren…

1–0

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