Schachblätter

Matt in einem Zug

Die­se Stel­lung wird sicher­lich viel­fach abge­druckt wer­den. Im Wett­kampf des Schach­pro­gramms Deep Fritz 10 gegen den Schach­welt­meis­ter Wla­di­mir Kram­nik zog letz­te­rer hier ohne jede Zeit­not 34…De3?? und war gera­de auf dem Weg in sei­nen Ruhe­raum, als er mit 35.Dh7# ein ein­zü­gi­ges Matt kas­sier­te. Mit dem Sprin­ger auf f8 sicher kein gän­gi­ges Matt­bild, aber hat­te Kram­nik nach zuvor 33…Le3xTc1 34.Se6xTf8 tat­säch­lich geglaubt, dass er auf Gewinn steht? 34…Kg8 35.Sg6 Lxb2 36.Dd5+ Kh7 37.Sf8+ Kh8 38.Sg6+ hät­te dage­gen zum Remis durch Dau­er­schach geführt.

Unfrei­wil­lig komisch übri­gens die Bericht­erstat­tung des „Spie­gels“, der ja gern ein­mal die Schach-Kom­pe­tenz für sich reklamiert: 

In die­sem Augen­blick aber zeig­te Kram­nik den „Human Fac­tor“, die mensch­li­che Schwä­che, die dem Rech­ner eben nie unter­lau­fen wür­de: Er über­sah schlicht die Gefahr, dass Deep Fritz ihn bin­nen weni­ger Minu­ten Schach stel­len könn­te, und spiel­te, ganz auf eine eige­ne Stra­te­gie fixiert, auf Sieg. Zu dem aber kam es nicht mehr. Deep Fritz stell­te Kram­niks schwar­zen König mit der wei­ßen Dame kalt, wäh­rend Kram­niks Figur jede Aus­weich­mög­lich­keit ver­baut war. 

Kategorien: Marginalien

Windeln » « Fönen

7 Kommentare

  1. Das ist rich­tig bit­ter. Ich hat­te die Par­tie über spiegel.de ver­folgt und die Audio­kom­men­ta­re gehört. Bevor De3 aus­ge­führt wur­de, mein­te Jus­su­pow noch „Na, hat er etwa das Matt auf h7 übersehen?“ 

    Kann man das Dau­er­schach irgend­wie ver­hin­dern? g5 scheint wegen e6 nicht spiel­bar zu sein oder?

    Ich bin gespannt, wie Kram­nik die­se bit­te­re Nie­der­la­ge ver­kraf­ten wird und wie sich ande­re Groß­meis­ter dazu äußern. 

    Btw, gibt es auch Video­auf­zeich­nun­gen oder live Video­über­tra­gun­gen von den Spielen?

  2. Das Dau­er­schach nach Sg6 ist nicht zu ver­hin­dern. Eini­ge Chan­cen behält Schwarz nach 33.…Te8, z.B. 34. Tf1 Da6 35. Tf3 Dxe6
    36. Txe3 Da6. Noch bes­ser wäre es m.E., 31.…a4 zurück­zu­stel­len, die Posi­ti­on zu befes­ti­gen und lie­ber lang­fris­tig den Gewinn mit dem Frei­bau­ern auszuspielen.

    Ich hat­te bei 29.…Da7 rein­ge­schaut und die Posi­ti­on als gewon­nen abge­schätzt. Nach 31.…a4 habe ich mich SOFORT gefragt, ob Kram­nik Sxe6 rich­tig berech­net und ins­be­son­de­re alle Dau­er­schach­mög­lich­kei­ten aus­ge­schlos­sen hat. Die nach­fol­gen­den Züge sind for­ciert, und jedem halb­wegs geüb­ten Spie­ler springt die Dro­hung Dh7 an die­ser Stel­le in die Augen.

    Es stimmt nicht, dass das Mus­ter mit dem Sf8 unge­wöhn­lich ist. Es kommt via Abzug des Sg6 sogar recht häu­fig vor. Es gibt buch­stäb­lich hun­der­te Par­tien mit dem Abzugs­schach Sh7-f8 (und Kh7, Bg7/h6) – in kei­ner geht der K nach h8 (es sei denn, er darf nicht nach g8).

    Es gab 1994/95 sogar mal eine hei­ße theo­re­ti­sche Spa­nisch­va­ri­an­te, wo Dc2-h7 mit Sf8 ein The­ma war (ohne den Abzug!). Refe­renz­par­tie ist Anand-Jus­su­pow. Jeder, der sich sei­ner­zeit auf Pro­fi­ni­veau mit Schach beschäf­tigt hat, muss wenigs­tens daher das Motiv kennen.

    Es ist nicht bit­ter, son­dern ein­fach lächer­lich. Ein Welt­klas­se­spie­ler müss­te eigent­lich bei den kom­for­ta­blen Match­be­din­gun­gen das rela­tiv schwa­che Pro­gramm pulverisieren. 

    Kram­nik hat der Rede­wen­dung „sich dumm und däm­lich ver­die­nen“ eine völ­lig neue Bedeu­tung verliehen.

  3. admin

    28. November 2006 — 16:11

    Zum The­ma gehört auch die­ser schö­ne Arti­kel: http://pinwand.musagetes.de/?p=57
    Im Ãœb­ri­gen fin­de ich den Abzug durch­aus the­ma­ti­scher, auf zuvor Sg6-f8 mit Abzugs­schach wür­de wohl kein Mensch Kh7-h8 spie­len. Kram­nik wird jetzt froh sein, nicht den mit­un­ter etwas gestren­gen Meis­ter O zum Trai­ner zu haben.

  4. mich inter­es­siert die fra­ge „wie konn­te das passieren?“

    bin mir nicht sicher, ob gier hier eine rol­le spielt, auf jeden fall hat sich kramnik’s gesichts­feld nach dem turm­tausch wohl völ­lig ver­engt. das pro­blem könn­te gewe­sen sein, dass er den sprin­ger nicht mehr als sprin­ger (mit dem akti­ons­ra­di­us eines sprin­gers) gese­hen hat, son­dern nur als figur, die einen abtausch durch­ge­führt hat. er war mit den gedan­ken woan­ders. auf dem damen­flü­gel, bei sei­nen ver­bun­de­nen bau­ern. wahr­schein­lich hat er geglaubt, dass der damen­tausch for­ciert ist weil er mit sei­nem zug ja auch matt droht. in sei­nem engen blick­win­kel gab es nur noch remis oder gewinn. in so einer posi­ti­on nach dem so offen­sicht­li­chen pat­zer hoch drei hät­te ich, glau­be ich, kurz nach aus­füh­rung des zugs gemerkt, dass ich da völ­li­gen bock­mist gebaut hät­te. die­se schreck­li­che sekun­de danach, wenn es schon zu spät ist und man nix mehr machen kann. wenn man sich in grund und boden schämt. aber kram­nik spielt hier gegen einen com­pu­ter. des­we­gen ist er wohl auch see­len­ru­hig gen ruhe­zo­ne geschlen­dert und hat erst nach der zuschau­er­re­ak­ti­on gemerkt, dass da was schief gelau­fen ist. 

    dass gera­de kram­nik so ein let­ha­ler schnit­zer unter­läuft, macht ihn mir übri­gens eher sym­pa­thisch. ich steh ja mehr auf tau­send­sas­sas wie kas­parov, shirov, moro­ze­vich und tal.

  5. kann man droht in mei­nem kom­men­tar in anfüh­rungs­zei­chen schreiben?

  6. Zu der For­mu­lie­rung »relativ schwa­ches Pro­gramm pul­ve­ri­sie­ren« möch­te ich nach­fra­gen, wel­cher Maß­stab hier­bei ange­legt wird. Wie­viel Elo leis­tet Deep Fritz 10? Wie wür­de ein Pul­ve­ri­sie­ren aus­se­hen, und wel­che Spiel­stär­ke­dif­fe­renz setzt das voraus?

    Könn­te bei­spiels­wei­se Topal­ov [2813] Ako­pian [2713] »pulverisieren?«

    Könn­te es sein, daß es sich selbst in Schach­spie­ler­krei­sen noch immer nicht flä­chen­de­ckend her­um­ge­spro­chen hat, wie umfas­send stark ein Top-Schach­pro­gramm heut­zu­ta­ge ist? Eini­ge zwar »erstaunliche« und mei­nes Erach­tens eher pein­li­che Regeln im aktu­el­len Match ändern dar­an fast nichts.

  7. Doch, die Match-Regeln ändern dar­an Wesent­li­ches! Die Stär­ken der Pro­gram­me lie­gen im wesent­li­chen im außer­schach­li­chen Bereich – kei­ne Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­chen, kein Leis­tungs­ab­fall wäh­rend der Par­tie, ein mas­si­ves fest ver­drah­te­tes Eröff­nungs- und End­spiel­wis­sen (das gespei­chert ist, also nicht am Pro­gramm liegt). Ohne die­se Vor­tei­le sehen die meis­ten sehr alt aus, wie man gut im Fern­schach sieht. Selbst Hydra (als die momen­tan wohl stärks­te Büch­se) hat da alt ausgesehen.
    Die Regeln neh­men DF sei­nen Vor­teil im Eröff­nungs- und End­spiel­be­reich und dre­hen es sogar um – wie gese­hen, kann Kram­nik in der Eröff­nung nach Belie­ben für ihn ange­neh­me Stel­lun­gen auswählen.

    Wie ist unter den Rand­be­din­gun­gen die Spiel­stär­ke ein­zu­schät­zen? mit „pul­ve­ri­siert“ mei­ne ich nicht unbe­dingt das Ergeb­nis, son­dern eher die Fähig­keit des Men­schen, domi­nan­te Stel­lun­gen zu errei­chen und sie ab und an zu einem Sieg aus­zu­bau­en (idea­ler­wei­se übri­gens in einer geschlos­se­nen End­spiel­stel­lung, die abge­bro­chen und von den Kram­nik-Sekun­dan­ten zum Sieg ana­ly­siert wird, um das mal so rich­tig vor­zu­füh­ren – genau das wäre übri­gens pas­siert, wenn die Stel­lung aus dem 29. Zug der 1. Par­tie im 65. auf dem Brett gestan­den hätte.

    „Pul­ve­ri­siert“ wäre dann auch ein 3,5:2,5, wenn es fünf Remis sind, in denen K nie­mals schlech­ter stand und es halt ein­mal gewann. Ich hät­te bei einer kon­zen­trier­ten Leis­tung eines Welt­spit­zen­spie­lers aller­dings eher ein 4:2 erwartet.

    Das ent­sprä­che – wohl gemerkt mit den „Bon­ner Regeln!“ – einer Elo­dif­fe­renz von 130–220 Punk­ten, also einer Stär­ke von viel­leicht etwas über 2600 von DF.

    Topa­low spielt der­zeit bekannt­lich kei­ne 2813 mehr, nach­dem er sei­nen Knick bekom­men hat er wäre der­zeit eher im Bereich sei­ner letz­ten Per­for­man­ces anzu­sie­deln (viel­leicht nicht ganz so schwach wie die 2636 bei Essent). Eine Elo­dif­fe­renz von 100 reicht im Men­schen­schach aber sowie­so nicht zum „Pul­ve­ri­sie­ren“ aus, die Erwar­tung in einem sechs-Par­ti­en­match wäre am ehes­ten 3,5:2,5, aber dabei hät­te eben auch Ako­pian in eini­gen Par­tien Sieg­chan­cen (schon bei dem ris­kan­ten Stil von Top­py). Aber das weiß sicher auch Per­ma­nent Brain genau und hat sein Bei­spiel eher pro­vo­ka­tiv und nicht ernst gemeint.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Copyright © 2021 Schachblätter

Theme von Anders Norén↑ ↑