Irgend­wann ist sicher jeder mal auf die Idee ver­fal­len, man könn­te mit Schwarz ja ein­fach alle Züge des Wei­ßen kopie­ren und die­sem somit einen hal­ben Punkt aus den Rip­pen lei­ern. Dann wur­de man garan­tiert dar­auf hin­ge­wie­sen, dass bei so einem Ver­such der Wei­ße genau einen Zug eher Matt­set­zen darf und das in aller Regeln auch tut. Um das noch plas­ti­scher Wir­ken zu las­sen, unter­malt der Erklä­ren­de sei­ne Aus­füh­run­gen oft mit fol­gen­der Vari­an­te: 1.d4 d5 2.Dd3 Dd6 3.Dh3 Dh6 4.Dxc8 und matt! Siehs­te, und des­we­gen nicht alles nachmachen!

Bis hier­hin ist alles logisch und ver­ständ­lich, nur hab ich mich immer gefragt, war­um ich denn hirn­ris­si­ge Züge nach­ma­chen soll. Ich könn­te mich doch ein­fach auf die sinn­haf­ten beschrän­ken und wenn der Wei­ße dann kei­ne gute Vor­la­ge lie­fert, hat er wohl einen Feh­ler gemacht. Und Feh­ler gehö­ren bestraft!

Ein wesent­lich instruk­ti­ve­res Bei­spiel gegen all­zu sche­men­haf­tes Kopie­ren lie­fer­te Capa­blan­ca und beant­wor­te­te damit gleich­zei­tig mei­ne Fra­ge, bezüg­lich der Nach­ah­mung ver­nünf­tig aus­se­hen­der Züge.

Capa­blan­ca – N.N.
New York 1918
C49 Vierspringerspiel

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.Lb5 Lb4 5.d3 d6 6.0–0 0–0 7.Lg5 Lg4 8.Sd5 Sd4 9.Sxb4 Sxb5 10.Sd5 Sd4

11.Dd2! Dd7??

Die Alter­na­ti­ven lau­ten in etwa so: 11…Sxf3+ 12.gxf3 Le6 (12…Lxf3 13.Lxf6 gxf6 14.De3 Lh5 15.Dh6 Lg6 16.f4 c6 17.fxe5 fxe5 18.Sf6+ Kh8 19.h4+-) 13.Lxf6 gxf6 14.Kh1.

12.Lxf6 Lxf3 13.Se7+

Huch! Da wars vor­bei mit dem Plagiatarismus!

13…Kh8 14.Lxg7+ Kxg7 15.Dg5+ Kh8 16.Df6#

1–0

Also doch lie­ber selb­stän­dig krea­tiv sein!

CH