Schachblätter

Springer am Rande… (2)

Wer glaubt, nur eini­ge abge­dreh­te Freaks aus unte­ren Spiel­klas­sen wür­den zu Zügen wie 1.Sh3! grei­fen, der irrt. Selbst olle Tar­ta­kower, sei­nes Zei­chens sehr krea­tiv, abso­lu­te Welt­klas­se und auch noch mit Schach­ver­ständ­nis geseg­net, hat mehr­fach auf die­se Eröff­nung zurückgegriffen.
Ein­mal fiel ihm dabei sogar der damals wie heu­te über­durch­schnitt­lich star­ke Andor Lili­en­thal zum Opfer.

Tar­ta­kower – Lilienthal
Paris, 1933

1.Sh3 d5 2.g3 e5 3.f4

Wäh­rend die Amar-Eröff­nung – sie­he die Wel­ling-Par­tie in „Sprin­ger am Ran­de (1)“ – eher zu Hol­län­disch­struk­tu­ren führt und soli­den Cha­rak­ter trägt, ist das hier von Tar­ta­kower uti­li­sier­te Amar-Gam­bit (oder auch Pari­ser-Gam­bit) ein schön dyna­mi­sches Bauernopfer.

3…Lxh3

3…e4 4.Lg2 Lf5 5.d3 gefiel Tar­ta­kower aus Sicht von Weiß ganz gut.

4.Lxh3 exf4 5.0–0 fxg3 6.hxg3 Sf6

Im Kais­si­ber Nr. 5/1998 wird auf fol­gen­de Ana­ly­sen von Tar­ta­kower (ja, rich­tig gele­sen: Ana­ly­sen! Der Mann hat sich mit der Mate­rie aus­ein­an­der­ge­setzt und es somit nicht von vorn­her­ein als bizarr ver­wor­fen) hin­ge­wie­sen: 6…Ld6 7.e4 Lxg3? (7…Dg5 8.Df3! Dxg3+ 9.Dxg3 Lxg3 10.Lc8 mit gefühl­tem Stel­lungs­vor­teil für Weiß laut S.T.) 8.Df3+-; 6…Dg5 7.Tf3 Ld6 8.d3 Com­pu­ter mögen die wei­ße Stel­lung hier nicht beson­ders, mir erscheint die Kom­pen­sa­ti­on für den Bau­ern aber doch recht fair!

7.d3 Sc6 8.Sc3 Ld6

8…d4 sieht stren­ger aus und ist es auch. Selbst mir als Opti­mist und Befür­wor­ter die­ser Eröff­nung ist dann nicht klar, wofür Weiß den Bau­ern eigent­lich gege­ben hat. Nur, was hat abschlie­ßen­de Klar­heit schon in einem Gam­bit zu suchen?

9.Lg5 Lxg3 10.Lxf6 gxf6 11.e4 Tg8 12.Sxd5!

Juch­heis­sa!

12…Le5+

Wohl dem, der eine Dro­hung hat! Und Schwarz ist an die­ser Stel­le bar erns­ter Drohungen.

13.Kh1 Dd6 14.c3

Man sehe, wie sich nach 1.Sh3! fast zwangs­läu­fig eine wei­ße Zen­trums­über­le­gen­heit rausbildet.

14…Tg3 15.Dh5 Txd3

Auch plum­pes Zer­trüm­mern hilft da nicht mehr viel.

16.Tad1 Txd1 17.Txd1 Se7 18.Se3 Dc5?

18…Dc6 19.Ld7+ Dxd7 20.Txd7 Kxd7 21.Dxf7+- läßt Schwarz nur mit mehr Muße sterben.

19.Dxh7 1–0

CH

Par­tie nachspielen

Kategorien: Eröffnungen

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12 Kommentare

  1. Päd­ago­gi­sches Kontrollversagen…

    ist lei­der wie­der ein­mal nicht zu ver­hin­dern – spä­tes­tens seit Ansicht der Ach­t­run­den­par­tie bre­chen bei mir alle Däm­me, die bis­lang Kom­men­ta­re zu der Basman-Randspringer-Krautetc.-Melange zurück­ge­hal­ten haben. 

    Die gute Nach­richt dabei ist, dass ich mir vor­ge­nom­men habe, mög­lichst kei­ne Idio­ten mehr zu kri­ti­sie­ren, weil die ja sowie­so nichts damit anfan­gen kön­nen. Inso­fern ist jede Kri­tik von mir zuerst ein­mal als Lob auf­zu­fas­sen, oder zumin­dest als Aus­druck der Hoff­nung, dass da noch etwas zu ret­ten ist (mal davon abge­se­hen, dass mich mei­ne pädo­gi­sche Ader lei­der immer auch für spä­te­re Ver­ir­run­gen eins­ti­ger Zög­lin­ge in Ver­ant­wor­tung nimmt).
    Die schlech­te Nach­richt ist, dass sich zuviel Ärger kumu­liert hat, um wei­te­re gute Nach­rich­ten fol­gen zu lassen.

    Kom­men­tar 1 – bit­te betrach­ten wir (ohne Wor­te) die fol­gen­de Par­tie SB (1761) – CH (2013)
    1. e4 h6 2. d4 a6 3. Nf3 d6 4. Nc3 g5 5. Bc4 Bg7 6. O‑O Nd7 7. Be3 b5 8. Bd5
    Rb8 9. e5 e6 10. Bc6 Ne7 11. Bxd7+ Bxd7 12. Ne4 Bc6 13. Ng3 Kf8 14. Nh5 Nf5 15. Nxg7 Kxg7 16. g4 Bxf3 17. Qxf3 Nh4 18. Qg3 Ng6 19. f4 gxf4 20. Bxf4 d5 21. Be3 h5 22. Rf6 hxg4 23. Raf1 Rf8 24. Qxg4 Qd7 25. h4 1–0

    Alles klar? Wenn nicht, dann etwas ausführlicher.

    Kom­men­tar 2- kon­kret zu die­ser Par­tie. „Der damals wie heu­te über­durch­schnitt­lich star­ke Andor Lili­en­thal“ ist eine der bescheu­erts­ten und nichts­sa­gends­ten Cha­rak­te­ri­sie­run­gen, die ich ken­ne. „Ãœber­durch­schnitt­lich“ heisst wahr­schein­lich „stär­ker als der Durch­schnitt der Leu­te, die die Schach­re­geln beherr­schen“ – das trifft aller­dings auf jede 1400 zu. Frei­lich hät­te Tar­ta­kower natür­lich leicht mit jeder Eröff­nung jede 1400 weg­ge­schla­gen, das besagt also nichts. Wer­den wir also mal konkret:
    Tar­ta­kower spiel­te die Par­tie kurz vor dem gro­ßen Leis­tungs­ab­fall ab 1934 (den nicht weni­ge auch auf sein immer ver­bohr­te­res Stre­ben nach „ori­gi­nel­len Eröff­nun­gen“ zurück­füh­ren, frei­lich spielt auch das Alter – 46 – eine Rol­le). Er war noch unter den Top 10 der Welt, geschätz­te Stär­ke 2670.
    Lili­en­thal spiel­te gera­de ein paar Jah­re Schach, bezeich­ne­te sich selbst als „talen­tier­ten Kaf­fee­haus­spie­ler“. Er war sicher ein Rie­sen­ta­lent mit gro­ßer Rechen­kraft, aber mit 21 nun mal hoch­gra­dig unaus­ge­reift (Elo ca. 2600, Welt­rang 25).
    Lili­en­thal schreibt selbst, dass er zu die­ser Zeit vor allem gegen schwä­che­re punk­te­te, aber von den gro­ßen Rou­ti­niers wie­der­holt vor­ge­führt wur­de, vor allem auf Grund man­geln­der Erfah­rung. Wer sei­ne bril­li­ant ange­leg­ten Par­tien Ende der 30er mit den Anfän­gen ver­gleicht, wird ver­ste­hen, was ich meine.
    1–0 ein über­ra­schen­des Ergeb­nis? Wohl nicht. 

    Kom­men­tar 3 – die­se Par­tien wer­den meist trotz, nicht wegen der Eröff­nung gewon­nen. Natür­lich gibt es immer wie­der star­ke Spie­ler, die „krumm“ spie­len. Manch­mal kommt es ihnen ent­ge­gen, weil sie über eine gro­ße Rechen­stär­ke ver­fü­gen (Naka­mu­ra mit 1. e4 e5 2. Dh5 ist ein typi­sches Bei­spiel). Gegen Theo­rie­hengs­te hilft frü­hes Abwei­chen zuweilen.
    Ver­blüf­fend oft sind es aber talen­tier­te Spie­ler zwei­ten (jeden­falls: nicht ers­ten) Ran­ges (in ihrem jewei­li­gen schach­li­chen Umfeld), die die Kru­di­tä­ten kul­ti­vie­ren – und oft genug im Zuge des schach­li­chen Abstiegs (auch vom Spiel­ni­veau her, nicht nur unter dem Ergeb­nis­aspekt). Das vor­han­de­ne Poten­ti­al reicht noch zu eini­gen mehr oder weni­ger spek­ta­ku­lä­ren Sie­gen, die aber vor allem des­halb auf­fal­len, weil die kor­re­spon­die­ren­den schmäh­li­chen Nie­der­la­gen sel­te­ner zitiert wer­den. Dazu

    Kom­men­tar 4 ‑Fall­bei­spiel Bas­man. Welt­meis­ter kön­nen durch infla­tio­nä­res Lob jun­ger Spie­ler viel Scha­den anrich­ten. Kei­ne Ahnung, war­um sie das machen – damit (wenn es war wird) es dann eine hüb­sche Geschich­te gibt?
    So etwa „Kas­parov hat­te schon früh Kram­nik als sei­nen poten­ti­el­len Nach­fol­ger bezeich­net“. Das geht dann durch die Pres­se und beleuch­tet neben den schach­li­chen auch noch die hell­se­he­ri­schen Fähig­kei­ten des Meis­ters. Man darf dazu frei­lich nicht wis­sen, wem die Cham­pions noch so alles den Titel vor­aus­ge­sagt haben. Wenn man die Ankün­di­gun­gen nur breit genug streut, blei­ben die Tref­fer unaus­weich­lich. (N.B. Um einen Extrem­fall zu ziti­te­ren – Gar­ry hat­te ja sogar nach nach sei­nem locke­ren 6:0‑Sieg Eli­sa­beth P. als „talen­tiert und viel­ver­spre­chend“ bezeich­net. Sie mag sicher unge­heu­er fleis­sig, gut dres­siert und punkt­ge­nau für die Ver­be­am­tung trai­niert wor­den sein, aber Talent war nun wirk­lich nie zu erken­nen. Man kann eben Höf­lich­keit auch zu weit treiben).
    Die Schat­ten­sei­te ist die Viel­zahl der ent­täusch­ten Hoff­nun­gen. Es kann halt nicht jedes Talent Welt­meis­ter wer­den, und nicht alle wer­den gut damit fer­tig. Im Fall Bas­man hat Bot­win­nik (aus­ge­rech­net! – fällt mir schwer zuzu­ge­ben) gesün­digt, indem er ihm Ende der 60er Chan­cen auf eine Welt­meis­ter­kar­rie­re pro­phe­zei­te. Dabei spiel­te Bas­man zwar durch­aus pha­sen­wei­se stark, ori­gi­nell und über­zeu­gend, war aber eben nur ein Talent unter vie­len. Wie es nun so ist, es kam ein Punkt, wo die Ent­wick­lung nicht „auto­ma­tisch“ wei­ter nach oben ging. Bas­man wur­de augen­schein­lich nicht damit fer­tig, die eige­nen und frem­den Erwar­tun­gen zu ent­täu­schen. Er fing daher an, mit den bekann­ten kran­ken Eröff­nun­gen zu spie­len. Ging es gut, waren ihm Schlag­zei­len sicher, ging es dane­ben, wur­de ihm das nicht son­der­lich nach­ge­tra­gen. Sei­ne Stär­ke sicher­te ihm eine Zeit­lang noch anstän­di­ge Ergeb­nis­se, aber das Poten­ti­al war irgend­wann ein­mal auf­ge­braucht, und dann ging es bergab.
    Das Aus­wei­chen auf die Eröff­nungs­ku­rio­sa ist leicht als Eska­pis­mus zu erklä­ren, um die ent­täusch­ten Hoff­nun­gen zu kaschie­ren. Die Miss­erfol­ge lagen ja nicht an ihm, son­dern nur dar­an, dass er so allein und mutig Neu­land zu betre­ten wag­te. Aus­ser­dem ist es ja klar, dass die ande­ren Lang­wei­ler mit ihrem Prag­ma­tis­mus bes­se­re Ergeb­nis­se erzielten. 

    Fazit – die komi­schen Eröff­nun­gen stel­len oft nur Flucht vor der Ver­ant­wor­tung und ent­täusch­ten Hoff­nun­gen dar. Aus­ge­bil­de­te Psy­cho­lo­gen kön­nen die­sen Kom­plex sicher wesent­lich detail­lier­ter als ich ana­ly­sie­ren (zuge­ge­ben, mein eige­nes über­stei­ger­tes Mit­tei­lungs­be­dürf­nis und die zuneh­mend krank­haf­te Bes­ser­wis­se­rei brau­chen gar kei­nen Psy­cho­lo­gen mehr zur Analyse ;-) …).
    Den­noch: Wehrt den Anfängen!

  2. Und ich dach­te schon, ich sei der ein­zi­ge ver­blie­be­ne Rand­sprin­ger-Skep­ti­ker. Mer­ci beacoup!

  3. 1. Dann will ich hier mal die Gegen­po­si­ti­on ver­tre­ten. Die zitier­te Ach­t­run­den­par­tie ging ganz sicher nicht wegen der Eröff­nung ver­lo­ren, nach 9.e5 steht der Schwar­ze bestimmt nicht schlech­ter. Das Pro­blem vie­ler „Randspringer“-Eröffnungen liegt mei­nes Erach­tens dar­in, dass sie dem Spie­ler, der sie anwen­det, beson­ders viel abver­lan­gen. Dem Gegen­spie­ler genügt es in der Regel, ein­fach nor­ma­le Züge zu machen. Wenn er von einer sofor­ti­gen „Bestra­fung“ etwa von 1…h6 und 2…a6 absieht, wird er eine nor­ma­le Stel­lung bekom­men. Der „unor­tho­do­xe“ Spie­ler dage­gen muss schon sehr auf­pas­sen, nicht mit ein paar phan­ta­sie­lo­sen oder unge­nau­en Zügen in eine Ver­lust­stel­lung reinzuschlittern.

    2. Die Remis­brei­te ist beim Schach eini­ger­ma­ßen hoch. Mit Weiß kann man sich ohne wei­te­res zwei krum­me Züge erlau­ben, mit Schwarz bestimmt einen. 1.Sh3 kann nicht falsch sein. Es gibt genü­gend Hol­län­der mit Weiß, in denen 4.Sh3 ganz nor­mal ist.

    3. Ãœber­haupt dürf­ten die Rand­sprin­ger­zü­ge gar nicht so schlecht sein. Ich darf dar­an erin­nern, dass mein Vor-Kom­men­ta­tor in der letz­ten Run­de nach der Eröff­nung fast eine gan­ze Stun­de dar­auf ver­wandt hat, nach­ein­an­der Sh6 und Sa6 zu zie­hen – und gewann. Aus bedenk­zeit­öko­no­mi­schen Gesichts­punk­ten waren die bei­den „Esels­oh­ren“ h6 und a6 dage­gen sehr effektiv.

    4. Letzt­lich läuft es auf die Fra­ge zu, was man vom Schach erwar­tet. Bas­man bringt sicher kei­ne gute Per­for­mance. Viel­leicht ent­steht aber ein intel­lek­tu­el­les Ver­gnü­gen an der ent­stan­de­nen Stel­lung. Wer mag, schaue sich Kha­lif­man in New in Chess 1/2006, S. 54 an, allein die­ses Gesicht recht­fer­tigt viel­leicht schon Zviag­int­s­evs 1.e4 c5 2.Sa3! Ande­re mögen es gou­tie­ren, wenn Leko in der Rus­si­schen Ver­tei­di­gung im 26. Zug eine Neue­rung bringt – auch in Ord­nung! Schach muss nicht lust­feind­lich sein, zumal wenn die Mann­schaft im Ach­t­run­den­spiel das Sai­son­ziel schon erreicht hat.

    5. Ich habe jah­re­lang so gespielt, 1…Sc6 gegen alles, Litau­isch, Let­ti­sches Gam­bit… 1.g4 habe ich mich lei­der nie getraut. Es ist mir schwer­ge­fal­len, damit auf­zu­hö­ren. Aber, ich will vor allem nicht ver­lie­ren. Das ist mei­ne Motivation.

    6. Wer sagt denn, dass Bas­man under­ground ist? Ich habe gera­de einen Sta­pel „Rand­sprin­ger“ bekom­men… Doch davon nächs­tens mehr.

  4. Ich habe mir noch ein paar Gedan­ken zum The­ma „Randspringer“-Eröffnungen (im wei­ten Sin­ne) gemacht.

    Zunächst ein­mal den­ke ich, dass ver­schie­de­ne Leu­te ganz ver­schie­de­ne Moti­ve haben kön­nen, Schach zu spie­len. In Abhän­gig­keit von die­sen Moti­ven wird es sicher­lich auch ver­schie­de­ne Ein­stel­lun­gen zur Fra­ge „Eröff­nungs­be­hand­lung“ geben. Wer etwa stark auf das Ergeb­nis fokus­siert ist, wird ver­mut­lich ver­su­chen, zwei­fel­haf­te Eröff­nun­gen zu ver­mei­den. Glei­ches wird für Leu­te gel­ten, die von der Logik des Spiels fas­zi­niert sind und die auf der Suche nach mög­lichst per­fek­ten Par­tien sind. Wer dage­gen intel­lek­tu­el­les Ver­gnü­gen an unty­pi­schen Stel­lun­gen hat (sie­he 4 oben), wird ger­ne von aus­ge­tre­te­nen Eröff­nungs­pfa­den abwei­chen. Kommt noch eine rela­tiv gerin­ge Wert­schät­zung des Ergeb­nis­ses hin­zu, wird der­je­ni­ge oder die­je­ni­ge auch zwei­fel­haf­te Eröff­nun­gen in Betracht zie­hen. Manch­mal mag es auch sinn­voll sein, min­der­wer­ti­ge Züge ein­zu­streu­en, um die über­le­ge­nen Theo­rie­kennt­nis­se des Geg­ners ins Lee­re lau­fen zu lassen. 

    Zunächst ein­mal geste­he ich jedem zu, selbst zu ent­schei­den, war­um und wie er Schach spie­len will. Aller­dings gibt es m.E. ein paar Einschränkungen:

    a) Bei Mann­schafts­spie­len, soll­te immer mit berück­sich­tigt wer­den, wel­che Erwar­tun­gen „die Mann­schaft“ hat. Wenn die Mit­spie­ler wesent­li­ches Inter­es­se an einem Mann­schafts­sieg haben, wäre es nicht die fei­ne Art, die Sieg­chan­ce absicht­lich durch zwei­fel­haf­te Züge zu verringern.

    b) Es soll­te auch nicht außer Acht gelas­sen wer­den, was der Geg­ner für Ansprü­che an die Par­tie hat. Ich gebe zu, dass die Gren­zen hier sehr flie­ßend sind, will aber anhand von Ãœber­trei­bun­gen klar­ma­chen, wor­auf ich hin­aus will. Wenn ich eine Tur­nier­par­tie spie­le, wün­sche ich mir in der Regel eine inter­es­san­ten Ver­lauf der Par­tie, ein bei­der­sei­tig mög­lichst feh­ler­lo­ses Spiel und natür­lich am Ende einen Sieg für micht ;-) Wenn nun mein Geg­ner absicht­lich schlech­te Züge macht und des­halb irgend­wann ver­liert, ist der Wert die­ser Par­tie für mich ver­min­dert. Dies könn­te zwar teil­wei­se durch eine beson­ders hüb­sche Wider­le­gung sei­ner schlech­ten Züge kom­pen­siert wer­den, den­noch wür­de mein Spass an der Par­tie gemin­dert. Wenn die Zahl der Spie­ler, die der­ar­tig mei­nem Spiel­ver­ständ­nis wider­spre­chend spielt, immer wei­ter stei­gen wür­de, wür­de ich sicher­lich irgend­wann anfan­gen, mei­ne Geg­ner genau­er aus­zu­su­chen und mög­lichst nur noch gegen sol­che Leu­te zu spie­len, die mir nicht den Spass am Schach ver­der­ben. Viel­leicht wür­de ich das Schach­spie­len auch irgend­wann ganz lassen.
    Ich will noch ein prak­ti­sches Bei­spiel brin­gen: Ange­nom­men ich spie­le in der letz­ten Run­de eines Run­den­tur­niers um den Tur­nier­sieg. Mein Geg­ner ant­wor­tet auf 1. e4 mit 1. … h6 und setzt nach 2. d4 mit 2. … a6 fort. In der Fol­ge nut­ze ich mei­nen Stel­lungs­vor­teil und gewin­ne die Par­tie und das Tur­nier. In die­sem Fall wäre ich wahr­schein­lich eini­ger­ma­ßen sau­er, weil der Geg­ner durch sei­ne Spiel­wei­se mei­nen Sieg ent­wer­tet hat.
    Um es noch ein­mal deut­lich zu sagen: Wenn ein Geg­ner meint, er müs­se unbe­dingt inter­es­san­te Stel­lun­gen spie­len und sol­che lie­ßen sich mit „nor­ma­len“ Zügen nicht errei­chen, dann soll­te er mich vor der Par­tie fra­gen, ob wir uns nicht auf eine unty­pi­sche „Anfangs­stel­lung“ eini­gen kön­nen. Wer in Tur­nier­par­tien gegen mich Züge wie 1. … h6 und 2. … a6 spielt, muss damit rech­nen, dass ich mich ver­al­bert füh­le und dass dem­entspre­chend reagiere.

    Just my two cent.

  5. Katchumo

    24. März 2006 — 16:40

    Ich bin doch schon eini­ger­ma­ßen erstaunt, auf wie­viel Ableh­nung Züge wie 1.Sh3 oder 1…h6 2…a6 sto­ßen. Als Sym­pa­thi­sant der­ar­ti­ger Expe­ri­men­te (und als jemand, der auch dazu gegrif­fen hat und auch wei­ter tun wird) ist es mir ein Anlie­gen dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ich die­se Züge nicht von vor­he­r­ein unter zwei­fel­haft lau­fen las­se. Ich bin mir des­sen bewusst, mit sol­chen Vari­an­ten vie­len all­ge­mein aner­kann­ten Schach­grund­sät­zen zuwi­der zu han­deln. Nur fin­de ich die Beweis­la­ge in keins­ter Wei­se ein­deu­tig. Es gibt wenig Par­ti­en­ma­te­ri­al, auf beid­sei­tig hohem Niveau liegt noch weni­ger vor und so muss (und darf vor allem) jeder selbst Ideen ent­wi­ckeln. Das wür­de mir bei­spiels­wei­se in einer Sizi­lia­nisch­va­ri­an­te wesent­lich schwe­rer fal­len, da dort viel mehr Vari­an­ten- und Ideen­ge­halt vor­han­den ist und somit das Den­ken in bestimm­te Rich­tun­gen lenkt.
    Um es also noch­mal kurz zu for­mu­lie­ren: die­se „zwei­fel­haf­ten“ Züge wer­den zumin­des­tens von mir nicht als sol­che auf­ge­fasst, son­dern ich betrach­te sie als voll­wer­tig. Somit hät­te auch ein Geg­ner wenig Anlass, sich ver­al­bert zu füh­len, da mei­ne Inten­ti­on bei­spiels­wei­se ein­fach wäre, unüb­li­che Stel­lungs­bil­der zu erzeu­gen, bewusst auf der Suche nach Stel­lungs­un­gleich­ge­wich­ten wie z.B. Raum gegen Fle­xi­bi­li­tät o.ä., um dadurch jeder­zeit auf Sieg spie­len zu kön­nen. Dass ich mit die­sem Anlie­gen jeman­dem die Lust am Schach spie­len neh­men könn­te liegt mir voll­kom­men fern und kann ich auch nicht so ganz nachvollziehen.

  6. Auf Meis­ter Os Pole­mik möch­te ich mich nicht ein­las­sen, ger­ne aber auf Chris­ti­ans Beispiel:
    „Ich will noch ein prak­ti­sches Bei­spiel brin­gen: Ange­nom­men ich spie­le in der letz­ten Run­de eines Run­den­tur­niers um den Tur­nier­sieg. Mein Geg­ner ant­wor­tet auf 1. e4 mit 1. … h6 und setzt nach 2. d4 mit 2. … a6 fort. In der Fol­ge nut­ze ich mei­nen Stel­lungs­vor­teil und gewin­ne die Par­tie und das Tur­nier. In die­sem Fall wäre ich wahr­schein­lich eini­ger­ma­ßen s2auer, weil der Geg­ner durch sei­ne Spiel­wei­se mei­nen Sieg ent­wer­tet hat.

    Stell Dir noch ein­mal die­se Situa­ti­on vor und neh­men wir an, Dein Geg­ner ist Dir in etwa eben­bür­tig. Dann sehe ich kei­ne Ent­wer­tung Dei­nes Sie­ges – Dein Geg­ner hat schließ­lich Dei­ne Spiel­stär­ke erreicht trotz der Tat­sa­che, dass er von Dir als „zwei­fel­haft“ bezeich­ne­te Eröff­nun­gen in Betracht zieht, erreicht. Inso­fern kannst Du jeden Sieg gegen einen sol­chen Geg­ner abso­lut fei­ern, zumal Dein Geg­ner bestimmt im Vorn­her­ein bes­ser über Stär­ken und vor allem Schwä­chen sei­nes Auf­baus infor­miert ist als Du, der Du über­ra­schend mit die­ser Spiel­wei­se kon­fron­tiert wirst. Außer­dem ist selbst Kar­pov es nicht auf Anhieb gelun­gen, 1. e4 a6 am Brett zu wider­le­gen. Inso­fern sei jeder, der meint, er könn­te die unge­wöhn­li­chen Eröff­nun­gen locker wider­le­gen, gewarnt vor der Psy­chof­al­le des „Gewin­nen müs­sens“, in die selbst stärks­te Groß­meis­ter in die­ser Situa­ti­on zu tap­pen nei­gen. Und im Ama­teur­be­reich kann man, mal von offen­sicht­li­chen Feh­lern wie 1.e4 f6 2. d4 Sh6 abge­se­hen, die Wider­le­gung sol­cher Sys­te­me meis­tens ganz vergessen.

    Des­wei­te­ren fra­ge ich mich, wo man hier abgren­zen soll – Lenin­gra­der Sys­tem und Pirc spie­len zur Zeit in der Meis­ter­pra­xis kei­ne Rol­le. Genau­so wie das Let­ti­sche Gam­bit, Königs­gam­bit, Skan­di­na­visch, 1.…Sc6, Moder­ne Ver­tei­di­gung, Benoni (wenn auch durch Topa mit Abstri­chen), die Phi­l­i­dor-Ver­tei­di­gung, das Col­le-Sys­tem, der Grob-Angriff, Orang-Utan und eben sol­che Din­ger wie Amar und 1.…a6 (St. Geor­ge bzw. Pol­nisch) oder die­ser Borik-Auf­bau mit Dop­pel­fi­an­chet­to und Sprin­gern auf d7 und e7,mal abge­se­hen von vie­len hun­der­ten fast kor­rek­ten Gam­bits. Wel­che Eröff­nung min­dert denn nun Dei­ne Sie­ges­freu­de oder gibt es da Abstu­fun­gen? Wür­dest Du Dich freu­en, wenn ein Geg­ner nach einem Sieg gegen Dich sagen wür­de: „War ja nur die Lenin­gra­der Variante“? 

    Ich bin mir ziem­lich sicher, dass meis­tens der Stär­ke­re gewinnt und dazu gehört zwar auch die Eröff­nungs­wahl, aber halt nicht nur. Ganz krass gesagt: Jeder Spie­ler, der dies hier liest, wür­de mit Weiß gegen Topal­ov ver­lie­ren, selbst wenn er den ers­ten Zug Topal­ovs bestim­men dürfte.

  7. Will­kom­men suizido,

    schön, dass du den Thread hier am Leben hältst ;-)

    Mit Dei­nem Ein­wand, dass es nicht ein­fach ist abzu­gren­zen, wel­che Eröff­nungs­zü­ge tat­säch­lich „schlecht“ sind, hast Du natür­lich einen wich­ti­gen Punkt getrof­fen. Den­noch den­ke ich, _dass_ es objek­tiv schlech­te Züge gibt. Viel­leicht ist es hilf­reich, zwei ver­schie­de­ne Aspek­te des Pro­blems zu unterscheiden:

    Fall 1: Ein Geg­ner macht Eröff­nungs­zü­ge, von denen er selbst denkt, dass sie objek­tiv (sehr) frag­wür­dig sind. [Ich tue mich mit kon­kre­ten Bei­spie­len etwas schwer, weil sicher­lich bei jedem Bei­spiel jemand mit irgend­wel­chen Vari­an­ten daher­kommt, die irgend­wel­che Kom­pen­sa­tio­nen nach­wei­sen. Aber viel­leicht ist 1. e4 f5 ein aus­rei­chend frag­wür­di­ges Bei­spiel?] Er mag dafür mei­net­we­gen auch ande­re Grün­de als Ãœber­heb­lich­keit haben. Den­noch blei­be ich dabei, dass sol­che Züge für mich den Wert der betref­fen­den Par­tie min­dern. Das hängt sicher­lich damit zusam­men, dass ich Schach eben nicht nur spie­le, um zu gewin­nen, son­dern auch, um (mög­lichst) feh­ler­freie Par­tien zu spie­len. Ich habe übri­gens ein hüb­sches Bei­spiel aus mei­ner neue­ren Tur­nier­pra­xis (gespielt weni­ge Tage nach mei­nem letz­ten Kom­men­tar, auf den Du Bezug nimmst):

    Hubert, P. – Bar­to­lo­mä­us, C. (Lan­des­li­ga McPom 2005/2006)
    1. b4 d5 2. Lb2 c6 3. e3 Dc7 4. c4 e5 5. b5 Ld6 6. Db3 Le6 7. a4 Sd7 8. Sa3 Sgf6 9. d4 exd4 10. exd4 Se4 11. Sf3 Da5 12. Ke2 Lg4 13. Td1 0–0 14. Sc2 dxc4 15. Dxc4 Sb6 16. Db3 Le6 0–1

    Ins­ge­samt wirk­ten die Züge mei­nes Geg­ners auf mich recht unin­spi­riert. Mag sein, dass ich auch nicht beson­ders zwin­gend gespielt habe. Beson­ders viel Spass gemacht hat mir die Par­tie jeden­falls nicht. Wenn alle mei­ne Par­tien so ver­lau­fen wür­den, wür­de ich ver­mut­lich wirk­lich mit dem Schach­spie­len auf­hö­ren und mir inter­es­san­te­re Sonn­tags­be­schäf­ti­gun­gen suchen. [By the way: Mein kampf­lo­ser Punkt­ge­winn in Schwe­rin war noch ein­mal um Eini­ges langweiliger.]

    Ich will noch ver­su­chen, eine Ana­lo­gie aus einer ande­ren Sport­art zu brin­gen: Ange­nom­men eine Fuss­ball­mann­schaft A spielt den Ball in der ers­ten Vier­tel­stun­de jedes Mal, wenn sie in Ball­be­sitzt kommt, sofort ins Sei­ten­aus und lässt die geg­ne­ri­sche Mann­schaft B erneut angrei­fen. Gut mög­lich, dass Mann­schaft B aus ihrem – zwar objek­ti­ven, aber nicht not­wen­di­ger­wei­se ent­schei­den­den – Vor­teil nichts macht, es nach einer Vier­tel­stun­de immer noch 0:0 steht und das Spiel am Ende zuguns­ten von Mann­schaft A aus­geht. Ich wäre von die­sem Spiel (wegen des Ver­hal­tens von Mann­schaft A in der ers­ten Vier­tel­stun­de) trotz­dem nicht begeistert.

    Fall 2: Ein Geg­ner macht Eröff­nungs­zü­ge, von denen er selbst nicht denkt, dass sie objek­tiv (sehr) frag­wür­dig sind. In die­sem Fall wür­de ich ihm kei­nen Vor­wurf machen. Wenn ich ande­rer Mei­nung bin als er, kann ich ver­su­chen ihn zu über­zeu­gen. Wenn ich dies nicht schaf­fe, weil ich kei­nen Stel­lungs­vor­teil nach­wei­sen kann, muss ich mei­ne Mei­nung ändern. Wenn ich ihn nicht über­zeu­gen kann, weil er trotz nach­ge­wie­se­nem Stel­lungs­vor­teil an sei­nen Vari­an­ten fest­hält, geht das Gan­ze irgend­wann in Fall 1 über. Aus mei­ner Sicht gehört übri­gens die Lenin­gra­der Vari­an­te und die Pirc-Ver­tei­di­gung in die­se Kate­go­rie von Eröff­nun­gen, die nicht objek­tiv sehr frag­wür­dig sind. Ich las­se mich natür­lich ger­ne eines Bes­se­ren belehren ;-)

    Also, um mei­ne Argu­men­te noch ein­mal zusam­men­zu­fas­sen: Ich gebe zu, dass es schwer ist, genau abzu­gren­zen, wel­che Eröff­nungs­zü­ge wirk­lich schlecht sind und wel­che „im Rah­men des Nor­ma­len“ blei­ben. Den­noch glau­be ich, dass es objek­tiv schlech­te Eröff­nungs­zü­ge gibt, nach denen der Geg­ner einen Stel­lungs­vor­teil hat. Wenn jemand sol­che Züge gegen mich spielt und mir damit absicht­lich einen Vor­teil ein­räumt, min­dert das für mich den Wert der ent­spre­chen­den Par­tie – unab­hän­gig vom End­ergeb­nis der Par­tie, beson­ders aber, wenn ich den Vor­teil grad­li­nig umset­zen kann. Trä­ten sol­che Fäl­le häu­fig auf, ver­lö­re ich ver­mut­lich die Lust am Schachspielen.

    P.S. Zum Ein­wand „Lenin­gra­der Sys­tem und Pirc spie­len zur Zeit in der Meis­ter­pra­xis kei­ne Rol­le“: Was genau ist „die Meis­ter­pra­xis“? Die Par­tien­samm­lung von „The Week in Chess“ gibt für die Stel­lung nach 1. d4 f5 2. c4 Sf6 3. g3 g6 4. Lg2 Lg7 5. Sf3 0–0 6. 0–0 d6 immer­hin 61 Par­tien für das Jahr 2005 aus (Fil­ter: Weiß und Schwarz jeweils mit Elo > 2300). Dar­un­ter sind 16 Weiß­sie­ge, 24 Unent­schie­den und 21 Schwarz­sie­ge. Was Pirc betrifft, fin­de ich mit den sel­ben Such­kri­te­ri­en für die Stel­lung nach 1. e4 d6 2. d4 Sf6 3. Sc3 g6 immer­hin 216 Par­tien (89 Weiß­sie­ge, 87 Unent­schie­den, 40 Schwarz­sie­ge). Wie es mit 1. e4 a6 2. d4 h6 aus­sieht, kann der inter­es­sier­te Leser ger­ne selbst untersuchen ;-)

    P.P.S. Mein (Schwarz-)Score in Wett­kampf­par­tien mit 1. e4 a6 2. d4 b5 ist 3.5/4 und als Wei­ßer habe ich 1/1 mit 1. Sf3 d5 2. Tg1 erzielt. Ich ent­schul­di­ge mich bei mei­nen dama­li­gen Geg­nern für mei­ne Ãœber­heb­lich­keit (denn es war Ãœber­heb­lich­keit gemischt mit Frust ob der jewei­li­gen Tur­nier­si­tua­ti­on, die mich zu die­sen Eröff­nun­gen bewo­gen hat).

  8. Ich will schon ger­ne mal 1.d4 g5 gegen Topal­ov pro­bie­ren ;-) … obwohl es mir noch lie­ber wäre, bei so einer Gele­gen­heit auch mit einer hoch­wer­ti­gen Eröff­nung zu star­ten. Wie groß das Gefäl­le zur abso­lu­ten Spit­ze ist und wie gut es durch Eröff­nun­gen, Trai­ning und Vor­be­rei­tung kom­pen­siert wer­den kann, wer­den wir im nächs­ten Jahr viel­leicht her­aus­be­kom­men – das Labor der Trai­nings­ge­mein­schaft mit R* bro­delt schon. 

    Zwei schö­ne (weil die Gegen­sät­ze beleuch­ten­den) Zita­te von Tim Krabbé
    muß ich hier zur Ergän­zung auf jeden Fall noch bringen:
    1. „… the­re was a dis­cus­sion on rec.games.chess.misc about whe­ther it is impo­li­te for Black to ans­wer 1.e4 with 1…a6.
    The idea that an ope­ning can be impo­li­te is inte­res­ting. You immedia­te­ly won­der if the­re are equi­va­lents in other sports. The under­hand ser­vice in ten­nis comes to mind (the Chang Varia­ti­on), the break-away at the start of a bicy­cle race, the goa­l­kee­per taking a penal­ty kick in soc­cer. They are demons­tra­ti­ons, not dan­ge­rous for the oppon­ents, but they do dis­turb the nor­mal cour­se of events, and the irri­ta­ti­on they cau­se favors the impolite.
    In Inter­net-blitz, it tur­ned out, the­re are Whites who, if they don’t care about their ratings, immedia­te­ly resign after 1…a6 becau­se it keeps them from prac­ti­cing their reper­toire. And even if this is much more impo­li­te than 1…a6 its­elf, I can under­stand it. It is as if you think you went to see ‚War and Peace‘, and they show Mickey Mouse.
    But an under­hand ser­vice is not in its­elf losing, and neit­her is 1…a6. Miles play­ed it in a famous game against Kar­pov, and won. I’ve publis­hed that game with a ques­ti­on mark for a6 – a ques­ti­on mark for bad man­ners. Kar­pov was the reigning World Cham­pion – you don’t order piz­za when you have the King over for din­ner. Karpov’s loss in that game must have been part­ly due to his irri­ta­ti­on over 1…a6. “

    2. „Op een scha­kers­fee­st­je in decem­ber riep Gen­na Soson­ko: ‚Kun­nen jul­lie raden wat Zvja­g­in­sev (in het Rus­sisch Kam­pio­en­schap) van­mid­dag na 1.e4 c5 tegen Kha­lif­man heeft ges­peeld?‘ ‚Dame h5?‘ pro­be­er­de iemand zwak­jes, want dat had Naka­mu­ra eer­der in 2005 geda­an. Het was bij­na nog epa­t­an­ter: 2.Pa3 Tot over­maat van bele­di­ging had Zvja­g­in­sev nog gewon­nen ook – je kan je voor­stel­len dat Kha­lif­man uit het lood was. Moet je boos wor­den om zo’n zet en voor straf meteen opge­ven – of je suf gaan pie­ke­ren over vari­an­ten waa­rin dat paard goed dan wel slecht staat op a3?
    2.Pa3 was al wel eer­der door (zwak­ke) raar­doe­ners ges­peeld, maar of het ooit méér zal bli­j­ken dan een pesterij is twijfelachtig.
    Aan de ande­re kant: hon­derd jaar gele­den wer­den onze ope­n­in­gen raar gevon­den. Na 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Pc3 Pf6 4.Lg5 schreef Guns­berg in 1895: ‚Deze vro­e­ge loper-uit­val geeft geen goe­de resul­ta­ten. Deze aan­val, of beter gezegd deze poging tot aan­val, is anders dan dezelf­de zet in het Frans, omdat Wit hier geen e5 tot zijn beschik­king heeft. In het alge­me­en moe­ten zowel Wit als Zwart hun dame­l­oper op de damev­leu­gel houden.‘
    Hier zijn er nog een paar, alle uit het Neder­land­se Tijdschrift van 1910 tot 1915.
    1.d4 Pf6 ‚Deze zet geschiedt om ter­s­tond uit het beken­de vaar­wa­ter te gera­ken, is ech­ter lang niet zo goed als het gebrui­kel­i­j­ke d7-d5, of als f7-f5 of zelfs e7-e6 wat ook wel ges­peeld wordt.‘
    1.e4 c6? ‚Bij juist tegen­spel komt Wit voor in ont­wikke­ling na deze zet.‘
    1.e4 e5 2.Pf3 Pc6 3.Lb5 ‚De Spa­an­se par­tij heeft in de laats­te jaren een groot deel van zijn ver­schrik­kin­gen ver­lo­ren. Er zijn thans geheel toerei­ken­de ver­de­di­gin­gen bekend.‘ 3…a6 ‚De bes­te ver­de­di­ging die steeds tot een zeer bevre­di­gend spel voert.‘ 4.Lxc6 ‚Hier­mee bereikt Wit niets anders dan dat de par­tij een zeer stomp­zin­nig karak­ter aanneemt.‘
    1.d4 Pf6 2.c4 c5 ‚Deze manier om het dame­gam­biet te ver­mij­den is ori­gi­neel maar niet goed. Bij ges­lo­ten spel ver­ze­kert het opruk­ken van de pion naar d5 (d4) wan­neer hij daar gehand­haafd wor­den kan, in de regel het bete­re spel.‘
    1.e4 e6 2.d4 d5 3.Pc3 Lb4 ‚Pf6 is gebrui­kel­i­j­ker en beter.‘
    1.e4 c5 2.Pf3 Pc6 3.d4 cxd4 4.Pxd4 Pf6 5.Pc3 e5? ‚Dit kan niet goed zijn daar de Dame-pion hier­door een ach­ter­li­j­ke wordt.‘ .…
    In dat Rus­sisch kam­pio­en­schap speel­de Zvja­g­in­sev nog twee­maal 2.Pa3, tegen Moty­lev en Dreev; bei­de par­ti­jen wer­den remi­se. In het snel­schaak­kam­pio­en­schap van Moskou dat meteen daarop volg­de heb­ben ook Moro­ze­vich, Svid­ler en Mal­ak­hov het gepro­be­erd – resul­taat onbe­kend. Het is een popu­lair zet­je aan het wor­den. Wat zul­len ze in 2106 lachen om wat er in 2006 over werd gezegd. “

    Da kann sich jeder etwas heraussuchen.

    Trotz­dem noch ein Punkt:

    „Inso­fern sei jeder, der meint, er könn­te die unge­wöhn­li­chen Eröff­nun­gen locker wider­le­gen, gewarnt vor der Psy­chof­al­le des “Gewinnen müs­sen­s”, in die selbst stärks­te Groß­meis­ter in die­ser Situa­ti­on zu tap­pen nei­gen. Und im Ama­teur­be­reich kann man, mal von offen­sicht­li­chen Feh­lern wie 1.e4 f6 2. d4 Sh6 abge­se­hen, die Wider­le­gung sol­cher Sys­te­me meis­tens ganz vergessen.“

    Aus mei­ner Erfah­rung her­aus klappt die Fal­le des „Gewin­nen müssens“
    nicht immer so toll. Sie kann auch den gegen­tei­li­gen Effekt haben, dass ein nor­mal fried­fer­ti­ger Spie­ler plötz­lich gezwun­gen wird, mehr aus sich her­aus­zu­ho­len. Typi­sches Fall­bei­spiel war die letz­te Ober­li­ga­run­de, in der
    ich nach acht Remi­sen mit 1.… b6? kon­fron­tiert wurde:

    OT (2256) – WH (2284) (OLNO 2006)

    1. e4 b6? … und ich war in der Beweis­pflicht. 2. d4 Lb7 3. Ld3 Sf6 4. De2 Sc6 5. c3 e5 6. d5 Se7 7. Sf3 Sg6 8. h4!? Zuge­ge­ben, etwas spe­ku­la­tiv. Ich habe auf die auto­ma­ti­sche Reak­ti­on ver­traut, wonach aber Schwarz lang­fris­tig Pro­ble­me hat, kurz zu rochie­ren. 8.…h5?! 9. Lg5 Le7 10. Lxf6 Lxf6 11. g3
    Die Auf­ga­be des L‑Paars sieht komisch aus, aber die Figu­ren auf f6/g6
    ste­hen schlech­ter als auf den Aus­gangs­fel­dern und sind lan­ge abgemeldet.
    11.…c6 12. dxc6 Lxc6 13. Lb5 Fast schon dog­ma­tisch posi­tio­nell. Tc8
    14. Sa3 Se7 Will mit Gewalt d5 durch­set­zen. 15. Sc4 Dc7 16. Lxc6 dxc6 17.
    0–0‑0 +- Und da ist das Pro­blem. Kf8? Rocha­de macht auch kei­nen Spass,
    ist aber bestimmt chan­cen­rei­cher. 18. Sg5 g6 19. Df3 Kg7 20. Sd6? Viel ein­fa­cher 20. Td6, ich war von der Par­tie­fol­ge hyp­no­ti­siert. Tcf8 21. Td2 Lxg5? Zäh ist Sc8. 22. hxg5 f6 23. Se8+ und der Rest ist Technik.

    Ich wür­de mich schon als Ama­teur bezeich­nen; dass die Par­tie nun eine „Wider­le­gung“ von b6 ist, kann man sicher nicht behaup­ten, aber nor­ma­ler­wei­se habe ich grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten mit einer 2284. 

    Was Pirc, Lenin­gra­der etc. betrifft, hängt das stark vom Spiel­ni­veau und vom Zeit­punkt ab. Ich den­ke schon, dass z.B. die­se Vari­an­ten auf 2700+ – Niveau der­zeit kaum spiel­bar sind, nicht sie kon­kret wider­legt sind, son­dern weil sie dort schlicht nur ca. 10–20% machen dürf­te. Das ent­spricht dem der­zei­ti­gen Wis­sens­stand und kann sich auch wie­der ändern. Die Argu­men­ta­ti­on geht aber eben auch drei Eta­gen tie­fer: Sh3 reicht sicher für die Lan­des­li­gen MV, aber Katch­u­mo wird damit eher nicht in den Bereich 2300–2350 kom­men, der ja durch­aus mal drin war.

  9. Ein wei­te­rer Punkt ist, dass es neben der objek­ti­ven Betrach­tung von Stel­lun­gen (und dem Bestre­ben nach kor­rek­ten Par­tien wie oben von Sfr. CBar­tho­lo­mae­us erläu­tert) auch sub­jek­ti­ve Betrach­tun­gen gibt, die durch­aus das Spiel irre­gu­lä­rer Vari­an­ten erlau­ben könnten.

    So ist es mög­lich, dass man nicht nach der feh­ler­frei­en Par­tie sucht, son­dern die Maxi­mie­rung der Punk­teaus­beu­te in Rela­ti­on zur Geg­ner­schaft anstrebt. Dabei spielt es durch­aus eine Rol­le, wel­che Eröff­nungs­ty­pen und ‑arten man wählt: Zum einen exis­tiert der Ãœber­ra­schungs­ef­fekt und der schon erwähn­te Effekt der Verärgerung/Irritation des Geg­ners, dar­über­hin­aus aber wei­te­re Fak­to­ren. Durch das Spiel einer spe­zi­fi­schen irre­gu­lä­ren Eröff­nung (nicht einer belie­bi­gen) erwirbt man sich auf die­sem Gebiet ein Exper­ten­da­sein, wel­ches Defi­zi­te in der „objek­ti­ven Stel­lungs­be­ur­tei­lung“ durch­aus mehr als kom­pen­sie­ren kann. Zudem kann man in die­sen Neben­va­ri­an­ten durch eige­ne Ana­ly­se­ar­beit sich einen grö­ße­ren Vor­sprung sichern als in den Haupt­va­ri­an­ten gän­gi­ger Sys­te­me, da die eige­ne Arbeit durch die viel­fäl­ti­gen Neue­run­gen in der Groß­meis­ter­pra­xis weni­ger Bedeut­sam­keit besitzt. Nicht zu ver­ges­sen ist der Zeit­fak­tor: Auch wenn man irgend­wann bemerkt, dass eine Eröff­nung viel­leicht für einen nicht opti­mal ist, muß man ein­kal­ku­lie­ren, dass eine Men­ge Exper­ten­wis­sen und Inves­ti­tio­nen in einer Eröff­nung ver­lo­ren gehen, wenn man auf eine ande­re Eröff­nung umschwenkt.

    Kurz gesagt: M.E. kann es über einen Zeit­raum die opti­mal bes­te Stra­te­gie sein, auf „irre­gu­lä­re Eröff­nun­gen“ zu set­zen, wenn man die­se Ent­schei­dung als spe­zi­fisch indi­vi­du­ell und tem­po­ral betrachtet.

    (Für die anwe­sen­den Mathe­ma­ti­ker und Ent­schei­dungs­theo­re­ti­ker kann man das ger­ne in eine jeder­zeit anwend­ba­re For­mel gie­ßen, wel­che gegen die Ein­sen­dung von Brief­mar­ken im Wer­te von 0,44 € beim Autor die­ser Zei­len zu bezie­hen sind.)

  10. Nach­trag:

    Gleich­wohl kann ich kurz noch einen Fall­be­richt aus der bei einem Schach­ser­ver ver­brach­ten Mit­tags­pau­se liefern:

    Nach den Züge 1. e4 h6 2. d4 g5 fühl­te ich mich (da Wer­tungs­fa­vo­rit mit knapp 600 Punk­ten mehr) ein wenig ver­al­bert, rela­ti­vier­te dies aber nach kur­zer Ãœberlegung.
    Gleich­zei­tig beken­ne ich mich auch schul­dig, in frei­en Par­tien der Irre­gu­la­ri­tät zu hul­di­gen (man­che behaup­ten natür­lich völ­lig zu Unrecht, dass ich dies auch in Tur­nier­par­tien voll­zie­he), bewußt schlech­te Eröff­nun­gen zu spie­len (unab­hän­gig von der Gegnerschaft).

    Dabei ist dies kei­ne Gering­schät­zung des Geg­ners, son­dern der Ver­such, in frei­en Par­tien den Spiel­ho­ri­zont zu erwei­tern und die Kunst der Ver­tei­di­gung oder auch im Angriff zu erpro­ben, denn ich fin­de es ein wenig zu rigi­de, wenn man mit sei­nem Spiel­part­ner Hun­der­te Par­tien spielt, aber dabei immer nur zwei oder drei Eröff­nun­gen auf das Brett kom­men (frei­lich kann man auch in regu­lä­ren Eröff­nun­gen variieren).

  11. Na, die jeder­zeit anwend­ba­re For­mel möch­te ich doch mal sehen! Wohin soll ich die 0,44 € schi­cken? Und wenn ich einen Feh­ler fin­de, will ich sie natür­lich zurück! ;-)

  12. Gegen Abtre­tung der Ver­öf­fent­li­chungs­rech­te wür­de die For­mel natür­lich – bei gleich­zei­ti­ger Aus­ga­be eines Geträn­kes „Spe­zi“ für den Urhe­ber – auch auf die­sen Sei­ten ver­öf­fent­licht wer­den können.

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