Lernen

Lernpower ist wichtiger als jedes Talent. Ein Beispiel ist Schachgrossmeister Viktor Kortschnoi. Er meinte vor kurzem in einem Interview im Tages-Anzeiger auf die Frage, wie er mit 75 Jahren immer noch Schach auf internationalem Niveau spielen könne: Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Ich war nie ein Wunderkind. Deshalb musste ich ein Leben lang lernen. Das hatte einen Nachteil: Ich entwickelte mich sehr, sehr langsam. Mein bestes Schach spielte ich erst mit 47. Aber es hatte auch einen Vorteil: Ich entwickelte mich immer weiter. Und ich entwickle mich – hoffe ich wenigstens – auch heute noch weiter. Ich analysiere jeden Tag vier Stunden lang Schachpartien.

– via NZZ, 20.11.2006

Kreml

Das Theaterrestaurant stellte der kleinen Truppe einen Raum zur Verfügung. In Russland erfordert dies schon wieder Mut. Eigentlich sollten die Veranstaltungen in der Universität stattfinden. Doch die Republiksführung intervenierte: Der Ausbau der Bibliothek werde eingestellt, so berichtete ein Professor, falls die Universität Kasparow in ihren Räumen reden lasse. Am Nachmittag ist auch das Ausweichquartier, der Eispalast, gesperrt, angeblich wegen einer Bombendrohung. Jetzt kontrollieren Minenräumer und Spürhunde das Gebäude. Fünfzig Gewerkschafter und Vorsitzende kleinerer Parteien zogen in ein Freiluftcafé auf dem Zentralplatz um. Kaum hatte sich die Gruppe gesetzt, begannen städtische Lautsprecher mit ohrenbetäubender Beschallung. «Sie lassen sich eben immer wieder etwas einfallen», sagt Kasparow gelassen.

– Klaus-Helge Donath in der NZZ über die Schwierigkeiten des Politreisenden Garri Kasparow

Fernschach mit Beckett

Anfang der achtziger Jahre schrieb ich einen Brief an Samuel Beckett. Ich erklärte ihm, dass ich mich als Schriftsteller versuchte, fügte an, vermutlich wendeten sich viele Unbekannte an ihn, und statt ihn um sein Urteil über einen meiner Texte zu bitten, schlug ich ihm eine Partie Fernschach per Brief vor, bei der ein Theaterstück von mir auf dem Spiel stehen sollte. Gewänne ich, würde er das Stück lesen und mir seine Meinung dazu sagen; gewänne er, würde ich selber mit ausgeruhtem Kopf das Stück nochmals durchgehen. Mein Brief endete so: Falls ja, 1. e4. Postwendend antwortete Beckett: Schwarz gibt auf. Schicken Sie das Stück. Herzlich, Samuel Beckett.

– Jean-Philippe Toussaint (Neue Zürcher Zeitung, 08.04.2006)