Kreml

Das Theaterrestaurant stellte der kleinen Truppe einen Raum zur Verfügung. In Russland erfordert dies schon wieder Mut. Eigentlich sollten die Veranstaltungen in der Universität stattfinden. Doch die Republiksführung intervenierte: Der Ausbau der Bibliothek werde eingestellt, so berichtete ein Professor, falls die Universität Kasparow in ihren Räumen reden lasse. Am Nachmittag ist auch das Ausweichquartier, der Eispalast, gesperrt, angeblich wegen einer Bombendrohung. Jetzt kontrollieren Minenräumer und Spürhunde das Gebäude. Fünfzig Gewerkschafter und Vorsitzende kleinerer Parteien zogen in ein Freiluftcafé auf dem Zentralplatz um. Kaum hatte sich die Gruppe gesetzt, begannen städtische Lautsprecher mit ohrenbetäubender Beschallung. «Sie lassen sich eben immer wieder etwas einfallen», sagt Kasparow gelassen.

– Klaus-Helge Donath in der NZZ über die Schwierigkeiten des Politreisenden Garri Kasparow

Kategorien: Marginalien

4 Kommentare

  1. Leider habe ich den Artikel nicht mehr gefunden, wo beschrieben ist, wie er durch eine Flugplatzsperrung (wegen plötzlichen Nebels trotz strahlendem Sonnenschein) abgewehrt wurde. Aber ein paar schöne Eindrücke gibt auch die Berliner Zeitung vom 29.10.2005:

    ‚Hinter einem nahen Wohnblock lauern zwei Autobusse voll mit jungen Leuten. Reserve, um Randale gegen Kasparow zu machen? So wie im nordossetischen Wladikawkas, wo ihn Halbstarke mit Eiern bewarfen, gedeckt von der Miliz.
    In Anschero-Sudschensk gab es kein Mittagessen für Kasparow, der Strom im Restaurant fiel kurzfristig aus. Und der Bürgermeister hat die Betriebschefs angewiesen: Alle, die zu Kasparow gehen, feuern! Wladimir Fokin, ein örtlicher Oppositionär, der vergeblich einen Veranstaltungssaal für Kasparow suchte, fürchtet noch Schlimmeres. Jedenfalls riet ihm gestern ein Bekannter aus dem Geheimdienst: „Du gehst besser nicht mehr allein aus dem Haus.„ ‚

    Oder, wie vielleicht ein deutscher Rhapsode heute dichten würde -

    Ist Michail auch in Krasnokamensk wohlverwahrt -
    der Landesvater traut der Friedhofsruhe nicht.
    Es stört ein Schachgenie die altgewohnte Herrschaftsart.
    Doch Wlad‘ ist wach: Im Kreml brennt noch Licht.

  2. admin

    14. Juni 2006 — 07:58

    Respekt! Die lyrischen Neigungen des Meister O waren mir ja noch gar nicht bekannt.
    Immerhin wird man angesichts fortbestehender sowjetischer Verhältnisse in Russland hierzulande fast schon von einem Hort der Demokratie sprechen müssen – erst recht im Landesschachverband!

  3. Dem muss man zustimmen, denn schließlich ist der Hort doch schon lange „bei uns“.

  4. Und was ist mit Glasnost im LSV ?

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