Schachblätter

(Chinesischer) Springer am Rande… (5)

Die Durkin-Eröffnung hat wirklich Charme. Es macht einfach Spaß, das Pferd einleitend an den Rand des Brettes traben zu lassen, um auf diese Weise den Mainstream-Spießern mit ihren küchenphilosophischen Fibelsprüchen (»Springer am Rand bringt Schand‹!«) lässig den Mittelfinger zu zeigen. Zumal sich der schachkulturell Interessierte, wenn er das Match mit 1.Sa3 beginnt, dabei in guter und jahrtausendealter Weisheit durchdrungener Gesellschaft weiß. Im chinesischen Schach »XiangQi«, das die Mehrheit der Asiaten für die Mutter aller Schacharten hält und das Ähnlichkeiten aufweist mit der FIDE-amtlichen Version, ist es eine akzeptierte Vorgehensweise, aus der Ausgangsstellung einleitend des linke Pferd (»horse«) von b1 unverzüglich zum Punkt a3 traben zu lassen. Nach diesem Zug ist auf dem Brett des XiangQi der Durkin-typische Krafthebel aus Pferd auf a3 und Fußsoldat auf c4 installiert, weil schon in der Startposition der Infanterist auf c4 steht. Dagegen muss im FIDE-Schach der weiße c‑Bauer erst noch ziehen, um den Hebel zu installieren.

René Gralla versucht im Kaissiber 27 den Randspinger interkulturell zu legitimieren – anlässlich einer Gewinnpartie gegen Durkins Patent.

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8 Kommentare

  1. Danke für den Hinweis auf die neue Kaissiber-Ausgabe! Als Nichtabonnent muss ich ja leider warten, bis ich das Heft in meiner Bahnhofsbuchhandlung bekomme. Ich bin mal auf den Zusammenhang gespannt, aus dem dieses Zitat stammt. Auf den ersten Blick erscheint mir der Vergleich von 1. Sa3 im westlichen mit 1. Pa3 im chinesischen Schach als reichlich sinnfrei.

    Das Pferd wird zwar in der Eröffnung tatsächlich häufiger an den Rand gespielt als bei uns, aber die Partie damit zu beginnen fällt auch dort unter die Rubrik »Seltene Züge«. Die Idee ist auch nicht irgendein ominöser »Hebel«, sondern ein Aufbau Pferd a3, Kanone c3, Wagen b1, mit dem möglichst schnell die bereits offene Linie mit dem Wagen besetzt wird.

    Witzig ist auch die Tatsache, dass der »Krafthebel« nach 1. Pa3 effektiv noch nicht mal »installiert« ist. Aufgrund der anderen Gangart des chinesischen Pferdes müsste zunächst noch die Kanone b3 wegziehen, damit der Soldat auf c4 auch tatsächlich vom Pferd gedeckt wäre.

    Aber welcher »Hebel« wird damit überhaupt »installiert«? Was sind Hebel im chinesischen Schach? Das Xiangqi kennt keine Bauernketten und Bauernstrukturen, die man mit Hebeln aufbrechen oder angreifen könnte. Und selbst im westlichen Schach würde ich den Zug 2. c4 nach z. B. 1. Sa3 g6 nicht als Hebel bezeichnen.

    Vermutlich verstehe ich nicht genug von beiden Schachvarianten, um die Feinheiten dieses Vergleichs nachvollziehen zu können. Oder es verhält sich mit mit diesem Zitat so wie mit einem älteren Interview, von dem rankzero schreibt: »So wird die Henrichs hier natürlich wieder nach XiangQi befragt (die Frage ist im Original fast eine halbe Seite lang, damit G. seine ganzen Lieblingssachen unterbringen kann), und natürlich kann sie nichts dazu sagen«

  2. admin

    27. März 2007 — 14:14

    Die zweite Variante ist richtig, du verstehst auch vom Schach genug. Ich fürchte, Herr Gralla sah einfach eine Möglichkeit, eine nicht besonders hochklassige Partie mit einem »seltenen zentralen Matt« zur Veröffentlichung zu bringen, bei der er zudem die schwarzen Figuren führte.

    Sehr schön, dass du aus fachlicher Sicht die »chinesische« Seite beurteilen konntest – da fehlen mir schlicht die Kenntnisse. Beim abendländischen Schach ist c2-c4 auch kein Hebel, schon gar keiner, den man mit Sb1-a3 unterstützen müsste. Wer c4 spielen will, kann das einfach so tun, wenn der Bauer zu schlagen ist, kann er in der Regel rasch zurückgewonnen werden.

    Da werden wir also weiter den »richtigen« Randspringerzug protegieren müssen…

  3. Ich habe jetzt auch die aktuelle Ausgabe zur Hand. Immerhin handelt es sich bei dem Zitat nicht um einen redaktionellen Beitrag, aber es enttäuscht mich auch, dass es dieser Humbug »nur« als Leserbrief in den Kaissiber geschafft hat. Deiner Einschätzung, dass es hier nur darum ging, eine eigene Partie (bzw. »seine ganzen Lieblingssachen«) unterzubringen, kann ich mich nur anschliessen (wie gesagt eine Partie gegen 1. Sa3, obwohl der zweite Satz lautet »Es macht einfach Spaß, das Pferd einleitend an den Rand des Brettes traben zu lassen«). Nebenbei bemerkt ist der Artikel, auf den hier Bezug genommen wird, in Ausgabe 5 aus dem Jahre 1997 oder 1998 erschienen, und die Partie, die den Aufhänger bildet, wurde 2003 gespielt. Das ist ein ziemlich langer Vorlauf, der aber natürlich für eine gründliche Recherche unbedingt notwendig war.

    Zum Ausfall des asiatischen Linkspferdes an die Peripherie des XiangQi-Gefechtsfeldes finden sich in den Datenbanken viele Beispiele.

    Zum einen ist es im Xiangqi wegen der Symmetrie völlig egal, ob man mit 1. Pa3 oder 1. Pi3 eröffnet, so dass es im Grunde keinen originären »Linksspringer« im Sinne von 1. Sc3 gibt. Man könnte also bei Bedarf mit der Xiangqi-Randspringereröffnung wahlweise sowohl 1. Sa3 als auch 1. Sh3 kulturell legitimieren.

    Zum anderen würde mich interessieren, wie hier das Wort »viele« definiert ist. Wenn es nur darum geht, wie oft das Pferd im ersten Zug an den Rand gezogen wird, dann wirft die »XiangQi Master Database« in einem Gesamtbestand von 35016 Partien nur 190 Beispiele für 1. Pi3 (ergo 1. Pa3, siehe oben, in chinesischer Notation H2+1) aus. Das entspricht einem Anteil von ca. 0,54 %, was zwar ziemlich genau hundertmal mehr ist als für 1. Sa3 und 1. Sh3 zusammen (Megabase 2005), aber trotzdem noch nicht meinem Verständnis von »viel« entspricht.

    Prinzipiell wäre ein fundierter Vergleich zwischen chinesischem und westlichem Schach über die Eigenarten des Randspringers ein guter Aufhänger gewesen, um das Xiangqi einer interessierten (Schach-)Öffentlichkeit nahezubringen. Aber bitte nicht so, das ist ähnlich kontraproduktiv wie vergleichbare Artikel auf den Chessbase-Seiten oder anderswo. Man könnte vielleicht darüber hinwegblättern wie über die Carstens-Partien in der Rochade, aber leider sind die Artikel von Dr. Gralla so ziemlich das einzige, was derzeit überhaupt irgendwo über Xiangqi zu finden ist. Schade um das schöne Spiel…

  4. admin

    30. März 2007 — 14:05

    1. Any press is a good press.
    2. Das stimmt ja nicht, dass sonst nichts über Xiangqi zu finden ist. Zum Beispiel gibt es ja deine Seite. Das ist ja das schöne an Blogs pp., die Öffentlichkeit liegt jetzt nicht mehr in den Händen von ein paar Redakteuren, PR-Managern und Funktionären. Und so viel kleiner ist unsere Öffentlichkeit vielleicht gar nicht. Du kannst ja mal Olaf fragen, wie sich seine Zugriffszahlen zu denen des Schachbunds verhalten…
    Wer sich für mit Verlaub in Westeuropa momentan nicht ganz so populäre Spiele interssiert, wird ohnehin nicht bei den großen Medien suchen, sondern das Netz durchstöbern und etwas Vernünftiges finden.

  5. Ein schönes Beispiel für das alte Goebbelsche Rezept, dass man Unsinn nur oft & laut genug wiederholen muss, um ihn in den Hirnen der Massen zu fixieren:

    Chinaschach-Papst Dr. René Gralla

    (heute aus HH).

  6. admin

    29. August 2007 — 21:08

    Sind wir nicht alle ein bisschen Papst?

  7. mal abgesehen von dieser Berufsbezeichnung ist das aber doch der beste Beitrag mit Bezug zum Xiangqi seit langem auf Chessbase

  8. Stefan

    17. April 2008 — 07:43

    Inzwischen berichtet die Allianz Chessbase/Neues Deutschland/Dr. Gralla ja hauptsächlich über Shogi…

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