Die „Deut­sche Schach­zei­tung“ ver­öf­fent­licht in ihrem April­heft 1913 eine zwi­schen den Her­ren St. (Kosow) und N.N. (Ham­burg) gespiel­te Kor­re­spon­denz­par­tie, deren Schluß für die Leh­re von den Tur­m­end­spie­len von nicht gerin­ger Bedeu­tung ist. Eigent­lich ist es nicht sowohl das Schluß­spiel selbst, das von so erheb­li­chem Inter­es­se ist, als viel­mehr die Bemer­kun­gen, mit denen der Glos­sa­tor, Herr N.N., es beglei­tet und für die die Redak­ti­on der „Deut­schen Schach­zei­tung“ die Ver­ant­wor­tung trägt, da sie sie ja ohne jede Bemer­kung hat pas­sie­ren las­sen. Ich las­se zunächst das End­spiel mit den Anmer­kun­gen des Herrn N.N. fol­gen. (Dia­gramm 1: St. – N.N.)

„Nun ist die Par­tie mit Th4! remis, da Weiß die Tür­me nicht tau­schen darf, andern­falls aber Bau­er oder König des Schwar­zen ein wich­ti­ges Tem­po gewinnt. Statt des­sen macht der Nach­zie­hen­de den Ver­lust­zug, wel­cher zu einer rei­zen­den Par­tie­stel­lung Anlaß gibt und fol­gen­de net­te Geschich­te hat: Ich stu­dier­te wäh­rend die­ser Par­tie ein­ge­hend die „Ana­ly­ti­schen Unter­su­chun­gen über Tur­m­end­spie­le“ von Dr. Tarr­asch und nahm mir ganz beson­ders den dort auf­ge­stell­ten Lehr­satz zu Her­zen: „Die Tür­me gehö­ren hin­ter die Freibauern,hinter die eige­nen, wie hin­ter die feind­li­chen.“ Außer­dem fürch­te­te ich eine Absper­rung des Königs durch Td7. Ich zog also (nach lan­ger Ãœber­le­gung!!) wohlgemut

35. .….….….. Th5-h7??

Die Tür­me gehö­ren hin­ter usw. Der Nürn­ber­ger Groß­meis­ter wird mir ob die­ses Zuges hof­fent­lich nicht zür­nen, aber er ver­liert sofort.

36. Td4-d8+!

„Das Unglück schrei­tet schnell.“

36. .….….….. Kg8-g7
37. Td8-d7+ Kg7-g8

Ein rei­zen­des Gewinn­ma­nö­ver. (Das rei­zen­de Gewinn­ma­nö­ver besteht im Turm­tausch. Dr. T.)

38. Td7xh7 Kg8xh7
39. Kb1-c2! Aufgegeben.

Das ist der Gewinn, denn der wei­ße König tritt in das Qua­drat des schwar­zen Bau­ern, wäh­rend Ba2 nicht auf­zu­hal­ten ist.“

Also ich bin an dem Ver­lust der Par­tie schul­dig! Nun, ich will es zuge­ben, obwohl die Sach­la­ge eini­ger­ma­ßen an die Geschich­te von dem klei­nen Jun­gen erin­nert, der von sei­nem Vater einen Spa­zier­stock geschenkt bekam und sich dann beklag­te, daß der Stock nichts tau­ge, denn er sei mit ihm von einem Kame­ra­den durch­ge­prü­gelt wor­den. Ich will Herrn N.N. auch nicht ein­mal fra­gen, war­um der den Turm nicht lie­ber auf die sechs­te Rei­he gezo­gen hat, denn die Sache hat doch eine tie­fe­re prin­zi­pi­el­le Bedeu­tung. Es sind näm­lich sein dem Erschei­nen mei­ner „Unter­su­chun­gen über Tur­m­end­spie­le“ eine gan­ze Rei­he Zuschrif­ten an mich gelangt, in denen sich die Ein­sen­der genau wie Herr N.N. dar­über beklag­ten, daß sie durch Befol­gung der oben zitier­ten Regel „die Tür­me gehö­ren hin­ter die Frei­bau­ern“ in Nach­teil gera­ten sind. Die­se pri­va­ten Moni­ta glaub­te ich igno­rie­ren zu kön­nen, nach­dem jetzt aber die „Deut­sche Schach­zei­tung“ selbst sich zum Sprach­rohr die­ser Anzap­fun­gen gemacht hat und somit mei­ne gan­ze Auto­ri­tät als Theo­re­ti­ker auf dem Spie­le steht – denn gera­de auf die For­mu­lie­rung die­ser Regel war ich ziem­lich stolz – muß ich doch die Ange­le­gen­heit öffent­lich zur Spra­che brin­gen, damit die Schach­welt hier­aus die ent­spre­chen­den Fol­ge­run­gen zie­hen kann.

Die ers­te Ein­sen­dung rührt von Herrn Idio­tin­sky in Neu­to­mi­schel her, der in der fol­gen­den Stel­lung (Dia­gramm 2: N.N. – Idiotinsky)

getreu der von mir auf­ge­stell­ten Regel den Turm nach g6 zog und höchst erstaunt war, als sein Geg­ner mit Se7+ den Turm und die Par­tie gewann. Sei­ne Ent­rüs­tung dar­über mach­te er in einem gar nicht wie­der­zu­ge­ben­den Brie­fe an mich Luft. – Ein ande­rer Schach­freund, Herr Schaf­kof­f­sky aus Tirsch­tie­gel, zog eben­falls mei­ner Regel fol­gend in der fol­gen­den Stel­lung (Dia­gramm 3: N.N. – Schafkoffsky)

den Turm hin­ter den Bau­ern, nach h7, wor­auf ihn Weiß mit Td8 matt­setz­te. Auch er tob­te sei­ne Wut in einem Brie­fe an mich aus, den ich mit nicht an den Spie­gel gesteckt habe, mach­te mich mit mei­ner „total fal­schen“ Regel, wie er sich aus­drück­te, für den Ver­lust ver­ant­wort­lich und ver­lang­te sogar sei­nen Ein­satz von mir zurück – die Par­tie war um 25 Pf. gespielt wor­den. Man sieht, in was für schie­fe Situa­tio­nen man gera­ten kann, wenn man in der Öffentlichkeit Leh­ren aus­spricht und sich dann bei den Schü­lern ein Mal­heur ereig­net. – Noch schlim­mer benahm sich Herr Stu­pi­do­witsch aus Groß-Moch­bern. Er hat­te in der fol­gen­den Stel­lung (Dia­gramm 4: N.N. – Stupidowitsch)

eben­falls sei­nen Turm hin­ter den Bau­ern, nach g6, gezo­gen und war empört dar­über, daß ihn der wei­ße Bau­er h5 geschla­gen hat­te. Er schrieb mir, wenn man so direkt irre­füh­ren­de Regeln auf­stell­te wie ich, dann sol­le man über­haupt lie­ber das Bücher­schrei­ben auf­ge­ben; einem Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät wür­de in einem ent­spre­chen­den Fal­le zwei­fel­los die Venia Legen­di ent­zo­gen werden.

Etwas gemä­ßig­ter benahm sich der vier­te Ein­sen­der, Herr Dok­tri­narroff aus Kro­to­schin. Er woll­te in der fol­gen­den Posi­ti­on (Dia­gramm 5: N.N. – Doktrinnarroff)

eben den Turm hin­ter sei­nen Bau­ern, nach g6, zie­hen, als ihm einer der Zuschau­er zurief: „Sie haben einen bes­se­ren Zug!“ und sei­ne Hand nach dem auf der Rei­se nach g6 befind­li­chen Turm aus­streck­te. In dem sich anschlie­ßen­den Kamp­fe um den Turm erwies sich Herr Dok­tri­narroff als der stär­ke­re Schach­spie­ler, und es ver­blieb somit bei dem Zuge nach g6. „Sie konn­ten ja auf f1 matt­set­zen!“ rief ihm die Koro­na zu. „Das war auch gut,“ war sei­ne Ant­wort, „aber mein Zug ist regel­rech­ter!“ Hin­ter­her aber frag­te er bei mir brief­lich an, ob nicht viel­leicht doch der Zug Tf1 vor­zu­zie­hen gewe­sen und die von mir auf­ge­stell­te Leh­re irrig sei.

Jeden­falls geht aus den oben mit­ge­teil­ten Posi­tio­nen klar her­vor, daß die von mir – etwas leicht­fer­tig, wie ich gern zuge­ste­hen will – for­mu­lier­te Regel einer Ergän­zung und Ver­klau­su­lie­rung bedarf.

Der Turm darf nur dann hin­ter den Bau­ern gehen, wenn er damit nicht ein­ge­stellt wird, oder wenn man dadurch nicht gleich matt wird, oder sonst sofort die Par­tie ver­liert, oder wenn man einen bes­se­ren Zug hat. Aber die­se For­mu­lie­rung wäre für eine Regel, die doch mög­lichst kurz gefaßt sein muß, viel zu weit­läu­fig. Die prä­zi­se und kla­re For­mu­lie­rung ist fol­gen­de: Der Turm darf nur dann hin­ter den Bau­ern gehen, wenn es gut ist. Damit glau­be ich die gefähr­de­te Regel jetzt völ­lig ein­wands­frei ergänzt zu haben und spre­che der „Deut­schen Schach­zei­tung“ mei­nen ver­bind­lichs­ten Dank aus, daß sie mir zu die­ser Ver­bes­se­rung mei­nes Sat­zes die Anre­gung gege­ben hat.

Zur Ent­schul­di­gung für mei­ne Leicht­fer­tig­keit bei der frü­he­ren For­mu­lie­rung des obi­gen Sat­zes will ich nur kon­sta­tie­ren, daß es im Schach über­haupt sehr schwer ist, all­ge­mein gül­ti­ge Regeln auf­zu­stel­len. Als ich einst­mals in einem Vor­tra­ge über all­ge­mei­ne Eröff­nungs­leh­re erklär­te, daß man es ver­mei­den sol­le, die Dame früh­zei­tig ins Spiel zu brin­gen, wur­de mir erwi­dert, daß dies mit­un­ter gera­de sehr gut sei, und als ich mei­ne ent­ge­gen­ste­hen­de Ansicht ver­tei­dig­te, wur­de mir die Eröff­nung 1. f2-f3 e7-e5 2. g2-g4 ent­ge­gen­ge­hal­ten, wo offen­bar die Ent­wick­lung der Dame für Schwarz sehr güns­tig sei, sin­te­ma­len sie auf h4 gleich matt­set­ze! Ich war glän­zend ad absur­dum geführt.

Ich bin ein glü­hen­der Opti­mist und so pfle­ge ich bei allem, was ich schrei­be, in Zei­tun­gen wie in Büchern, an den Ver­stand der Leser zu appel­lie­ren, ohne zu beden­ken, daß nicht jedes Appel­la­ti­ons­ver­fah­ren erfolg­reich ist.

Dr. Sieg­bert Tarrasch