Fair Play (2)

Die 6. Runde der Oberliga Nordost führte den Greifswalder Schachverein in seinem immerwährenden Abstiegskampf zum SK Zehlendorf II. Ich spielte gegen den charismatischen Werner Reichenbach, mehrfacher Berliner Seniorenmeister. Nachdem ich zum Ende der Eröffnung hin ein, zwei ungenaue Züge machte, war mir schnell klar, dass ich um das Remis kämpfen musste und konnte ich schließlich in ein leicht schlechteres Doppelturmendspiel abwickeln.

Irgendwann so um den 30. Zug herum drückte mein Gegner die Uhr nicht richtig durch, beide Seiten standen. Ich bemerkte es erst, als er draußen war. Wahrscheinlich vermisste ich das Ticken. Es war eine einigermaßen schwierige Stellung. Die Uhr für ihn drücken mochte ich nicht, also überlegte ich weiter, auch als er wieder am Brett stand. Vielleicht nach zehn Minuten bemerkte Herr Reichenbach, dass die Uhr stand und drückte. Dabei sagte er etwas, was ich nicht verstand. Ich reagierte nicht und machte meinen Zug. Ich mag es nicht so sehr, wenn man bei der laufenden Partie spricht.

Kurz vor der Zeitkontrolle, ich hatte vielleicht noch fünf Minuten für ein paar Züge, die Stellung war jetzt aber etwas einfacher zu spielen, fing mein Gegner an auf mich einzureden. Es sei unglaublich, eine Unsportlichkeit, ich müsse eigentlich zehn Minuten weniger auf der Uhr haben, so etwas in der Art. Ich fragte ihn, ob er mich beleidigen wolle und als er weiter redete, rief ich den Schiedsrichter, der ihn mit vor die Tür nahm. Danach war Ruhe, mein Remisgebot verhallte ohne Antwort. Immerhin entspannte sich die Atmosphäre, als ich meinen Gegner beim nächsten Mal darauf hinwies, dass er die Uhr nicht richtig gedrückt hatte. Wir machten noch ein paar Züge und nach einer Zugwiederholung nahm Herr Reichenbach mein zweites Remisgebot an.

Nach der Partie kamen wir zum Glück noch über den Vorfall ins Gespräch. Er meinte, es sei unfair, auf eine nicht gedrückte Uhr nicht hinzuweisen. Ich meinte, es sei unsportlich, seinen Gegner während der laufenden Partie auf diese Art anzusprechen. Wir wurden uns nicht einig.

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6 Kommentare

  1. Eine etwas heikle Frage. Früher, besonders zu Nachwuchszeiten, habe ich meine Gegner immer darauf hingewiesen, wenn sie nicht gedrückt haben. Dann ist es das mal in einem Schnellschachturnier für Vierermannschaften passiert, in der Begegnung der Spitzenreiter. Bei ca 1. Minute auf beiden Uhren in einer komplizierten Stellung drückte mein Gegner nicht – ich wies ihn darauf hin, weil ich fair sein wollte (außerdem fand ich, dass ich besser stand, und wollte „normal“ gewinnen). Natürlich verlor ich die Partie auf Zeit und musste mir hinterher die Kritik meiner Teamkollegen anhören – wenn ich seine Zeit einfach laufen lasse, hätte das vermutlich den Ausschlag in die andere Richtung gegeben.

    Inzwischen würde ich sagen, dass ein halbwegs erfahrener Spieler selbst dafür verantwortlich ist, seine Uhr zu drücken. (Ausnahme: Anfänger und Kinder, die sich erst daran gewöhnen müssen). Der Spieler, der bemerkt, dass seine Uhr nicht läuft, wird dadurch ja auch etwas beeinflusst und aus der Konzentration gebracht. Nach den Regeln darf er seinen Gegner eigentlich nicht mal ansprechen und auf die Uhr hinweisen (er müsste also den Umweg über den Schiri nehmen). 

    Ich denke, der Fairness ist Genüge getan, wenn man „normal zieht“ und nicht extra wartet, dass die Zeit des Gegners abläuft. Dann handelt es sich im Normalfall nur um wenige Minuten, die bei einer Turnierpartie nicht entscheidend sind. 

    Außerdem kommt es immer noch auf das Verhalten des Gegners an. Wenn ein Spieler für das Reden während einer Partie + Ansprechen des Gegners bekannt ist (und das ist definitiv nicht nur unfair, sondern verboten), würde ich mich auch nicht verpflichtet fühlen, ihn besonders feinfühlig zu behandeln.

  2. admin

    26. Februar 2007 — 19:55

    Hinterher war ich mir selbst unsicher, ob ich mich richtig verhalten habe. Deshalb habe ich diesen Vorfall hier auch mal zur Diskussion gestellt. Etwas anderes wäre es vielleicht gewesen, wenn mein Gegner die Uhr gar nicht gedrückt hätte und seine Zeit weitergelaufen wäre. So war es aber nicht. Die Uhr stand auf beiden Seiten. Strenggenommen war der gegnerische Zug damit noch gar nicht beendet (Nr. 6.8 Buchst. a der FIDE-Regeln).

  3. „Nach den Regeln darf er seinen Gegner eigentlich nicht mal ansprechen und auf die Uhr hinweisen (er müsste also den Umweg über den Schiri nehmen).“

    Aus welchen Regeln ist dies herzuleiten? Habe eben Artikel 12/13 nochmals überflogen, konnte allerdings nichts finden, dass sich so interpretieren liesse.

    Insgesamt kann ich Reichensbach Verärgerung verstehen. Hätte mit den Beleidigungen allerdings bis zum Partieende gewartet.

  4. Die übliche Auslegung des Artikels 12.6. („es ist verboten, den Gegner auf irgendwelche Art abzulenken oder zu stören“) ist sehr strikt und beinhaltet insbesondere das Verbot des Ansprechens des Gegners.

  5. Interessanterweise habe ich das nun beim gerade beendeten Ryck-Open live in der Rolle des admins erlebt.
    In der letzten Runde vergaß mein Gegner (ein Vereinskamerad), die Uhr zu drücken und stand sofort auf. Ich bemerkte das, wollte aber nicht hinterher rennen oder rufen, ich hatte mit meiner Stellung arg zu kämpfen. Eine Zigarettenlänge später kam er wieder ans Brett, stutzte und drückte die Uhr mit der Bemerkung “oh, habe ich wohl vergessen”. Er regte sich nicht auf, dass ich nichts gesagt hätte, ich protestierte nicht gegen den gemurmelten Satz – “alles ganz easy“, so wie es sein sollte.
    Ein paar Züge später das gleiche Spiel. Diesmal blieb der Gegner sitzen, ich schaute kurz auf und zeigte mit dem Finger auf die Uhr – er verstand sofort.
    Da ich mich selbst als äußerst fairen Spieler einschätze (welch ein Eigenlob, hoffentlich sehen es meine Gegner und Vereinskameraden auch so), kann ich aus jetziger Sicht konstatieren, dass ich genauso handele. Ich würde es für ungewöhnlich halten, wenn es anders wäre (zumindest, solange die Schlacht auf dem Quadrat den Kulminationspunkt nicht überschritten hat).

  6. Als ich neulich bei einem Vereinsturnier einem Gegner gegenübersaß, der sich noch gar nicht mit der Schachuhr befasst hatte, hat die Irritation, dass er mindestens jeden zweiten Zug nicht drückte, auch durchaus mein Spiel negativ beeinflusst.

    Vielleicht ist das ein Punkt, der wirklich in den Regeln zu klären ist.

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