Out Of Bonn

Nur kurz ein bisschen Luft ablassen über den Weltmeisterschaftskampf in Bonn. Das größte Ärgernis ist für mich die Kürze – nur zwölf Partien. Da ist eigentlich keine Zeit für ein Abtasten der Eröffnungsvorbereitung, ein paar Kurzremisen, alles das, was ein Match ja eigentlich ausmacht (bin mit Karpov vs. Kasparov sozialisiert und erinnere mich noch an den Aufschrei über den Kulturverlust, als der Modus auf 24 Partien verkürzt wurde). Aber vielleicht wird bei zwölf Partien ja nur noch abgetastet, weil bei der Spielstärke von Anand und Kramnik eine einzige Niederlage schon entscheidend sein kann? Man stelle sich bloß mal vor, das Match Spassky gegen Fischer 1972 wäre auf zwölf Partien angesetzt worden.

Das andere Ärgernis ist natürlich die unsägliche Absprache, die Partien nur mit einer Verzögerung von 30 Minuten frei zugänglich zu machen. Ich weiß nicht, wie viele Leute neun Euro für eine Partie bezahlen, den Etat der Veranstaltung wird man mit dieser Maßnahme nicht sonderlich aufbessern können. Und bekommt man sein Geld zurück, wenn nochmal Abtausch-Slawisch aufs Brett kommt? Wegen Schlechterfüllung? Wäre es nicht eine wunderbare Vorstellung, wenn die globale Schachgemeinde gleichzeitig vor den Rechnern sitzen könnte, ein und dieselbe Partie verfolgend und diskutierend? Wäre das nicht der Sinn einer Schachweltmeisterschaft? Stattdessen wird man (ein kleiner Witz der Schachgöttin) ausgerechnet auf die Topalov-Seite chessdom getrieben, die zugegebenermaßen nach Abwarten einer Schamfrist eine vernünftige journalistische Arbeit macht. 

Kategorien: International

14 Kommentare

  1. Die Schachserver FICS (freechess.org) sowie Playchess = Schach.de bieten Liveübertragungen der Züge ohne diese 30 Minuten Verzögerung an. ICC vermutlich auch; das habe ich nicht ausprobiert. Dafür braucht man aber jeweils eigene Zugangssoftware. Ich glaube, per Browser findet man beispielsweise auf ChessOK.com eine Echtlive-Ãœbertragung vor, zumindest sah mir das gestern beim kurzen Reinschauen so aus.

    FICS bietet den Vorteil daß jeder Kibitz-Chatten kann bzw. darf; im direkten Partiechat sind Computeranalysen jedoch verpönt. Ich finde das ganz angenehm. Zwecks paralleler, komfortabler Engineanalyse wiederum bevorzuge ich Schach.de mit der Fritz-Oberfläche, die man beispielsweise mit der Gratis-Rybka 2.2n2 (siehe Rybkachess.com –> Demoversion) kombinieren kann.

    Die bisherigen zwei Remispartien lösten natürlich keine Begeisterung aus. – Heute Ruhetag.

  2. Ebenso sozialisiert durch die Kämpfe der 80er Jahre sehe ich die Verkürzung auch nicht gerade mit Begeisterung (der von mir sehr bewußt wahrgenommene Wettkampf Hübner gegen Smyslow dauerte mithin 16 Spiele, zehn regulär, vier Verlängerung und dann noch zweimal Roulette) Partien . Allerdings ist die Frage, ob es heutzutage noch möglich ist, Geldgeber für längere Wettkämpfe zu finden, eine Steigerung auf 16 Spiele sollte hoffentlich aber drin sein.

    Bei der Ãœbertragung vertrete ich die – augenblicklich wohl nicht gerade populäre These -, dass der freie Markt das regeln wird. Bezahlen ausreichend viele, wird es fortgesetzt, wenn nicht, dann eben nicht. Bei der gestrigen Begegnung stellte sich aber, obwohl zeitversetzt, das Gefühl einer Liveverfolgung ein.

  3. Also bisher waren die Partien noch nicht der Brüller, aber es scheint auch festzustehen, das speziell Anand das eine oder andere Neue vorbereitet hat! Und in der Tat scheint es so zu sein, dass es Geldgeber für Matches mit mehr Matchpartien wohl nicht gibt- denn Ausrichter ist ja ( der 143.neueste Weltverband) UEP und zumindest nicht direkt die FIDE! Und außerdem ist es eine WM, da kann man nicht ab der 1.Partie schon das große Säbelrasseln erwarten…Es wäre allerdings gut, wenn nach 12 Partien der Sieger feststehen würde, sonst wird ein Schnellschachtitel…!

  4. Zuseherzahlen wären interessant:

    zahlende Foidoskunden: ??

    schach.de 9500 online, davon 5000 Kiebitze bei der 2. WM-Partie – Serverabsturz kurz vor Partieende in der Zeitnotphase. Frage warum bringen die das jedes Jahr wieder nicht auf die Reihe – andere esport-Ãœbertragungen haben über 100.000 User online ohne zu crashen.

    ICC: ??

    schachfeld.de wurde auch überrascht vom Userandrang, die shoutbox mit Kommentaren von SommerPower hat ein paarmal den Dienst quitiert.

    Infinty-chess wer hats schon probiert, sind da Leute online?

    FICS: ??

    Wer hat weitere Infos – und kann man mit Schachübertragungen wirklich Geld verdienen oder kostet das nur?

  5. Stefan

    16. Oktober 2008 — 19:06

    Ich kann mir nicht helfen und glaube einfach, dass eine kostenfreie stabile Ãœbertragung mit einem fachkundigen Kommentar und einem oder besser noch mehreren nach Sprachen sortierten Diskussionskanälen auch kommerziell die erfolgreichere Lösung wäre – die Zugriffszahlen wären mit Sicherheit enorm und es könnten ganz hübsche Werbeeinnahmen generiert werden.

    So wie es jetzt läuft, versuchen die Seiten, ein Live-Gefühl zu vermitteln, während die Partie schon längst rum ist. So gestern TWiC, wo die spannende Schlussphase weit nach Abpfiff kommentiert wurde. Chessdom war lange fertig.

  6. Crestbook/Shipov haben z. Zt. 9 Züge. Das müsste halbwegs aktuell sein oder? Ist natürlich für Freunde der russischen Sprache.

  7. Ja, wie immer sehr schnell am Ball. Aber bei Mark Crowther nehme ich gerne längere Kommentarbedenkzeiten in Kauf, wenn er dann 

    I see a little silhouetto of a swindle, scaramoosh scaramoosh lets promote the passed a pawn 

    ausgräbt.

  8. Sorry, das Zitat ist natürlich von Malcolm Pein.

  9. Es ist vermutlich übertrieben zu sagen, dass der Druck von unten gewirkt hat, aber:

    Der Druck von unten hat gewirkt! Die Verzögerung wird aufgehoben!

  10. I see a little silhouetto of a swindle, scaramoosh scaramoosh lets promote the passed a pawn 

    magnifico!

  11. Irgendwie reicht die rudimentäre Suchfunktion der Schachblaetter nicht mehr aus, um den Vorschlag der Insel-Weltmeisterschaft zu finden, den es hier doch einmal in grauer Vorzeit gegeben haben sollte (oder erinnere ich Chimären?).

    Daher also dieser Kommentar an eine falsche, wenngleich verwandte, Stelle: Die aktuelle Wijk-Grafik bewegt sich schon stark in diese Richtung.

  12. Stefan

    13. Januar 2011 — 13:47

    Hhm, war diese legendäre Stelle nicht eher auf deiner Seite versteckt? Ich versuche hier, alles bestmöglich geheim zu halten.

    PS: Vielleicht sollten wir uns einfach hier anschließen?

  13. Tatsächlich, das hattest Du ja da kommentiert. Aber die Stelle mit dem Flaschenpost-Fernschach müsste eigentlich hier irgendwo auf den Schachblättern sein, die passt eigentlich auch gut zur Grafik.

  14. Stefan

    13. Januar 2011 — 19:08

    Oja, ein ganz eindrücklicher Kommentar. Kommt dann auch in die Schachblätter-Volksausgabe.

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