In Barth gab es schon lan­ge kei­nen Schach­ver­ein mehr. Die Bar­t­her, die im Ver­ein spie­len woll­ten, spiel­ten bei Water­kant Saal. Das war ein Dorf am Bod­den kurz vor Dam­gar­ten mit einer Vor­zei­ge-LPG und zwei sehr akti­ven Leh­rern, die dem gan­zen Ort Schach bei­brach­ten. Dort hat­ten wir ein Sport­ler­heim. Das Sport­ler­heim war in Wirk­lich­keit eine Bude neben dem alten Sport­platz mit den Pap­peln, in der sich die Fuß­bal­ler umzie­hen konn­ten. Die Bude hat­te einen Ofen, der manch­mal nicht geheizt war, wenn am Sonn­tag­mor­gen auf­ge­schlos­sen wur­de. Dann spiel­ten wir in Win­ter­ja­cken. An der Wand hin­gen hin­ter Glas ein paar Urkun­den, Mann­schafts­fo­tos und alle Grand Ouverts, die hier jemals gege­ben wor­den waren: mit dem Datum und den Namen der Mit­spie­ler, die sorg­fäl­tig nach Vor­hand, Mit­tel­hand, Hin­ter­hand und Geber auf­ge­lis­tet wurden.

Es gab in Barth aber Schach­spie­ler. Es gab den klu­gen Leh­rer mit dem schie­fen Kopf und der ange­neh­men Stim­me, der sehr erfolg­reich Post­kar­ten­schach gespielt hat­te, bis die Rech­ner kamen und Fern­schach zu einer Dis­zi­plin für Admi­nis­tra­to­ren mach­ten. Es gab die Brü­der aus mei­nem Ver­ein, die in der Sun­di­schen Stra­ße wohn­ten und ab und zu für ein paar Wochen etwas Kin­der­trai­ning im Haus der Werk­tä­ti­gen mach­ten. Die Schach­fi­gu­ren auf Zeit auf­bau­en und 25 Züge über­ste­hen, ohne matt­ge­setzt zu wer­den, das habe ich dort gelernt. Sie erzähl­ten von der Zeit, als es in Barth noch einen Schach­ver­ein gege­ben hat­te und sie sonn­tag­mor­gens mit einem Auto mit Kar­bi­dofen in der Mit­te durch den gan­zen Bezirk Ros­tock zum Spiel gefah­ren waren. Es gab den Leh­rer aus der Dies­ter­weg­schu­le am Wall, der manch­mal am Frei­tag­nach­mit­tag eine Schach-AG mach­te. Ich ging gern dort­hin, ganz nach oben in dem alten Schul­ge­bäu­de, das nach Lin­ole­um und Krei­de roch, auch wenn der Leh­rer schlech­ter spiel­te als ich. Es gab V., der noch bei sei­nen Eltern wohn­te, einen Schach­com­pu­ter mit Holz­brett hat­te und alle Pink-Floyd-Plat­ten auf Ton­band. Mit ihm spiel­te ich Trai­nings­par­tien, er zeich­ne­te mit sei­ner klei­nen Hand­schrift die Züge auf und die Bedenk­zeit für jeden ein­zel­nen Zug, auch als sei­ne Stel­lung schon längst hoff­nungs­los gewor­den war. Es gab K., der mit sei­ner Mut­ter in einem ver­fal­le­nen Haus in der Hafen­stra­ße wohn­te, schlaue Züge mach­te und ein paar Schach­bü­cher aus den fünf­zi­ger Jah­ren hat­te, die ich mir aus­bor­gen durf­te. Eines Tages schenk­te er mir ein blau­es Buch von Joseph Smith und woll­te mit mir über Gott reden und dann bin ich nicht mehr hingegangen.

Spä­ter wur­de in Barth wie­der ein Schach­ver­ein gegrün­det, V. mach­te mit und K. auch. Sie spiel­ten im Kul­tur­haus an den Anla­gen, aber das hielt nicht lan­ge. V. muss­te wie­der ins Kran­ken­haus und danach ins betreu­te Woh­nen und K. muss­te sonn­tags jetzt immer zum Got­tes­dienst nach Ros­tock fah­ren. Dort fand er eine Frau und zog weg. Die ande­ren beka­men kei­ne Mann­schaft mehr zusam­men und hör­ten auf. Seit­dem gibt es in Barth wie­der kei­nen Schach­ver­ein mehr.