Wer braucht diese Zeitung?

Ich drücke mich nun schon eine Weile vor einer versprochenen Rezension. Vor zwei Wochen habe ich das Juli-Heft der Schach-Zeitung gekauft, das erste Heft, das über den Kiosk zu bekommen war. Zuvor waren wohl mehrere Nullnummern auf Nachfrage verschenkt worden. Generell ist es gut, dass in den deutschsprachigen Schachzeitschriftenmarkt Bewegung und es nach einer Reihe von Titeleinstellungen nun zu Neugründungen kommt. Und deshalb will ich mich bemühen, nach positiven Eindrücken zu suchen (auch wenn es hier nicht leicht fällt). Ich blättere mal durch:

Kein längerer Kommentar zur Titelseite und zur Gestaltung der Zeitschrift. Es gehört offenbar zum sparsamen Unternehmens-Konzept, keinen Layouter zu beschäftigen. Es gibt Druckereien, die die Gestaltung gleich mit machen. Ich schätze mal, so war es auch hier. Für eine Rechtschreibkorrektur und etwas sprachliches Lektorat sollte es bei einer seriösen Publikation aber schon reichen. Und eine Schachzeitschrift sollte wissen, wie man das Brett aufbaut (Seite 17).

Die Schach-Zeitung ist in großen Teilen ausgedrucktes Internet. Insbesondere bei der Schachbund-Seite wird sich ausgiebig bedient. Das erklärt wahrscheinlich auch den Hype, der seit Monaten auf dieser Seite für die Zeitung gemacht wird. Den anderen redaktionellen Block bilden Rezensionen diverser Chessbase-Produkte.

Die Rubrik Schach und Kultur bestreitet Frank Mayer mit einem Artikel über Capablancas Grab. Wer sich einen Eindruck von dessen journalistischen Fähigkeiten verschaffen will, kann sich hier schon mal über Che Guevara belesen. Frank Mayer wurde übrigens kürzlich auf dem Forum Schachfeld wegen der Verletzung von Urheberrechten gesperrt. Auch sonst hat die Schach-Zeitung ein eigenes Verhältnis zum geistigen Eigentum. Es gibt keine Bildnachweise und die biografischen Anmerkungen zu Alexei Schirow sind einfach aus der Wikipedia kopiert, ohne Quellenangabe.

Okay, wo ist nun die Innovation? Innovativ sind die Partiebesprechungen von Jürgen Jordan (ELO 2225). Alle zwei, drei Halbzüge gibt es ein Diagramm, man muss also kein Brett mehr aufbauen. Es ist ein bisschen, wie sich im Netz durch eine Partie zu klicken. Nicht uninteressant, aber die Darstellung scheitert bei längeren Varianten in den Anmerkungen. Sieht aus, wie (und ist wahrscheinlich) ein Chessbase-Ausdruck. Warum man die restlichen Partien aus Sofia dann als pure Notation auf vier Seiten bringt, verstehe ich nicht. Wenn die Zeitung etwas werden will, dann sollte sie an diesem Punkt weiterarbeiten. Bessere Darstellung, bessere Kommentare. Es ist in Ordnung, sich an die große Masse der Klubspieler zu richten, aber gerade diese Zielgruppe (zu der ich mich auch zähle) braucht vernünftige Erläuterungen.

Den Rest spare ich mir mal, Taktikaufgaben kann jeder stellen und eine Rabattkarte will ich nicht haben. Einen Turnierkalender würde ich im Internet suchen und die Trainingsmethode von Suren Petrosyan habe ich nicht verstanden.

Wer braucht nun diese Zeitung? Ich weiß es nicht. Es gibt eine Menge Sachen, die man nicht braucht.

17 Gedanken zu „Wer braucht diese Zeitung?“

  1. Seit zehn Jahren habe ich keine einzige normale Schachzeitschrift mehr gekauft. 1999 bekam ich Internet, somit war das überflüssig geworden. Allerdings bin ich kein Klubspieler. Aber vorher war das eine wichtige Informationsquelle, um nicht den Anschluß ans internationale Geschehen zu verlieren sozusagen. Also hab ich hin und wieder einzelne Exemplare gekauft, um ungefähr den Überblick zu behalten.

    Somit glaube ich, hauptsächlich nur Spieler die regelmäßig an Meisterschaften etc. teilnehmen, haben Bedarf an einer Schachzeitung. Andererseits sind gerade sie es, die sich anhand der Infos die es ohnhin und topaktuell im Internet gibt, selbst sachkundig und gezielt informieren können.

    Bleibt also nur die Teilmenge von jenen ambitionierten Amateuren bzw. Halbprofis aufwärts, die noch keinen Internetanschluß haben. Wieviele sind das in unseren Breiten? Also, daß jetzt zwei neue Schachzeitschriften erscheinen, wundert mich wesentlich mehr als das vorige “Eingehen” mehrerer.

    Erfreuliches am Rande: Die Nischen-Magazine Kaissiber und Karl scheinen weiterhin zu funktionieren. Ist für mich plausibel, denn deren Angebot findet man im Internet so nicht, oder garnicht vor.

  2. Ich bin Klubspieler auf Freizeitniveau und brauche keine Schachzeitung. Einmal in meinem Leben habe ich eine gekauft – eine mit meinem Foto drin, man ist doch etwas eitel. :-)
    Ich finde das nicht schlimm. Schließlich habe ich auch 15 Jahre aktiv Fußball gespielt, auch auf Freizeitniveau, und hatte nie den kicker abonniert.

  3. Dem ist wenig hinzuzufügen. In Sachen “Layout” wäre ich nicht so tolerant wie Du; das halte ich schon für ein Muster an Dilettantismus, was da abgeliefert wird. Ein gänzlich unnötiges und schlecht gemachtes Produkt.

  4. Da ich oft Zugfahrten habe, habe ich mir die Zeitung besorgt und habe mir damals auch die Probeexemplare zukommen lassen. Die Zeitung ist im Zug lesbar, das ist natürlich schon sehr vorteilhaft. Die redaktionellen Mängel sind allerdings omnipräsent.

    @Nordlicht:
    Das Lesen des Kickers hat auch noch niemanden zu einem guten Fußballspieler gemacht, während das Lesen von Schachlektüre das eigene Schachspiel durchaus verbessern kann. Probiere es doch mal aus!

  5. 1. Besonders sinnlos: der Turnierkalender erscheint größtenteils ohne Details und ohne Kontaktdaten. Da ist die “Rochade” um Längen besser.
    2. Warum soll man hier für den Mayer-Mist bezahlen, wenn man das vorher schon umsonst im Internet lesen kann?
    3. Die Werbung für CB ist unerträglich.
    4. Die Rubrik “Was macht eigentlich …?” könnte man noch als halbwegs interessant bezeichnen.

  6. Alle Fußballvergleiche hinken. Habe jahrelang den Kicker gelesen, ohne dass sich mein Spiel nennenswert verbessert hätte.

    Mit einer Prognose über die Schach-Zeitung wäre ich vorsichtig. Das ist sehr kostengünstig produziert und voller Werbung. Und hat einen gewissen Trash-Faktor.

  7. Wer braucht diese Zeitung?

    In der neuesten “Schach-Zeitung” findet sich wieder ein Text des unverwüstlichen Frank Mayer: “Schach und Kultur. Henry Edward Bird *1830 +1908”.

    Auch online abrufbar hier.

    Geburts- und Todesjahr sind korrekt wiedergegeben, von den übrigen Fakten stimmt beinahe nichts.

    Preisausschreiben:
    Wer die in dem verlinkten Text enthaltenen sieben groben sachlichen Fehler binnen 24 h hier postet, erhält von mir ein Jahresabonnement der “Schach-Zeitung”.
    (Vorsicht! Das war eine Scherzerklärung gem. § 118 BGB.)

  8. Ist dies der Text aus der Zeitung bzw. wirklich mit dem seinsgleich? Dann ist meine Lieblingsstelle die folgende:

    “Trotz seines Nachnamens, war Henry Edward Bird nicht mehr und nicht weniger als ein menschliches und edles Wesen, das nie fliegen konnte, weil ihm Flügel fehlten.

    Deswegen musste er erst lernen zu fliegen mit Flügeln des Einfallreichtums, so dass er sich letztlich in einen

    phantasievollen Überflieger

    verwandelte, zumindest, wenn er sich an das Schachbrett setzte.”

    Darüberhinaus verweigere aus tiefster Überzeugung ich die Annahme jeglichen Abonnements dieser Zeitung (auch im Scherze nicht).

  9. Herrn Werner Berger,
    da Sie mich offensichtlich nicht vergessen können, gebe ich Ihnen und Ihren Kollegen mal folgendes Preis-Rätsel auf:

    Philipp Stamma – André Danican Philidor / Finderlohn

    ***

    Philipp Stamma galt in der damaligen Zeit als der stärkste Spieler
    der Welt bis zu dem Augenblick, als er die Herausforderung von
    André Danican Philidor annahm, ein Match im Jahre 1747 gegen
    ihn zu spielen, das zu Gunsten von Philidor
    mit dem Ergebnis +8 -1 = 1 ausging, wobei Stamma immer als Weißer anziehen durfte
    und falls eine Partie Remis ausging, wurde sie als Sieg für Stamma gewertet.

    Bedauerlichweise sind die Partienotierungen verloren gegangen, wie behauptet wird.

    Ab jenem Zeitpunkt strahlte dann der Stern von Philidor am Schachhimmel.
    Wer von den Lesern mir die authentischen Partienotierungen – auch in Kopie – beschaffen kann, erhält € 1.000.— in bar.
    Frank Mayer aus Sitges (Barcelona)

    ***

  10. An dem Text von Herrn Mayer stimmt ja schon formal überhaupt nichts. Webseiten (!), (“home.arcor.de”, u.a.) halten Urheberrechte an Fotografien aus dem 19. Jahrhundert? Aber dass der Autor vom Urhebertum eine sehr eigene Vorstellung hat, ist ja inzwischen hinreichend bekannt.
    Als Quelle für den Artikel wird unter anderem eine Suchmaschine genannt!? Das wäre so, als würde ich eine Magisterarbeit schreiben und als Quelle “Staatsbibliothek Berlin” angeben.

    Die Absurditäten nehmen kein Ende. Danke für den Hinweis auf diese verrückte Seite, die ich zeitweise aus den Augen verloren hatte. Verwunderlich, dass sie offensichtlich immer noch nicht abgemahnt wurde; ausgerechnet.

  11. “fast normal” … wenn man einmal von den Beiträgen aus Sitges, Barcelona absieht, die sind ganz gewiss nicht “normal”.
    Im Vergleich zu den ersten Ausgaben hat sich manches zum Besseren gewandelt, z. B. findet man jetzt im Turnierkalender auch Kontaktdaten. Es gibt allerdings meiner Meinung nach immer noch zu wenige Bezüge zu aktuellen Ereignissen. Einige wenige ausgesuchte kommentierte Partien aus den Spitzenturnieren sind für mich kein Anreiz, dieses Produkt zu kaufen oder gar zu abonnieren.

  12. Aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, dass diese Publikation ihr Erscheinen zum Jahresende einstellen wird.

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