Aus pädagogischen Gründen habe ich mich gezwungen, mir alle meine Partien aus Malmö noch einmal anzuschauen. Die Höhepunkte zeige ich hier zur allgemeinen Erbauung vor.

1. Runde mit Weiß gegen GM Ralf Åkesson (2421)

Das Malmö Open wird mit modifiziertem Schweizer System gespielt. Wenn ich es richtig verstanden habe, werden die ersten beiden Runden innerhalb von Wertungsgruppen ausgelost. Jedenfalls bescherte mir das Los einen Großmeister.

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Nachdem sich der Schwarze nahezu optimal aufgebaut hatte, verlor ich hier die Nerven und spielte den einzigen verbliebenen Hebel 25.e4?!, der wie durch ein Wunder nach 25…dxe4 26.Lxc4 Lxc4 27.Dxc4 exf3 28.Te1 zu gehöriger Verwirrung in der beginnenden Zeitnot (die ersten vier Runden wurden mit 55 Minuten + 5 Sekunden/Zug gespielt) und am Ende in ein remises Turmendspiel führte. Freilich hätte 25…Sa3 mit Demaskierung des Le6 sofort eine Qualität vereinnahmt. Glück gehabt (0.5/1). Mein Gegner gab danach nichts mehr ab und wurde ein wenig sensationell Turniersieger.

2. Runde mit Schwarz gegen FM Drazen Dragicevic (2305)

Zur Belohnung gab es am Samstagmorgen einen Fidemeister aus Lund. Drazen erschien noch später als ich mit Kaffee und Stulle am Brett und baute in aller Ruhe ein Doppelfianchetto auf.

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Das Bauernopfer war durchaus beabsichtigt, Schwarz hat einiges Spiel, Weiß allerdings eine plumpe Drohung, so dass die Zugauswahl beschränkt war. Ich spielte den falschen Zug: 21…Le5? (Das hatte ich schon vor dem Bauernopfer als Remisendspiel »ausanalysiert«. 21…Se6 22.De4 Dh4 wäre sehr angenehm gewesen, erst recht bei verkürzter Bedenkzeit. Weiß muss ein paar Fragen beantworten) 22.Dxe5 Dxe5 23.Lxf7+ (mit Schachgebot, den hatte ich tatsächlich vergessen) 23…Txf7 24.Lxe5 Sxb3 und obwohl auch das noch nicht chancenlos ist, war meine armselige Technik natürlich vollkommen unzureichend (0.5/2).

3. Runde mit Schwarz gegen Jannis Troyke (1780)

Zur Strafe Rücksturz an Tisch 70, wo einer der drei anderen deutschen Turnierteilnehmer auf mich wartete, das Stralsunder Talent Jannis Troyke.

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Jannis sprang mich direkt mit einem Bauernopfer an, und ich hatte ein paar bange Minuten, um mir klarzumachen, dass nach 9…Dd7 10.Sd4 Sc5 alles zusammenhält. Mein Gegner zeigte anschließend die übliche Kinderkrankheit, alle 30 Sekunden einen Zug zu machen, wodurch ich nach der Partie noch einige väterliche Hinweise loswerden konnte (1.5/3).

4. Runde mit Weiß gegen Michael Källström (1849)

Michael Källström ist ein sehr angenehmer Spieler aus Gotland und ich hatte nach der Partie ein schlechtes Gewissen, dass er meinen letzten Trick

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52.e4 übersehen hatte, nach dem ich wegen des Abzugs auf der langen Diagonalen die Festung stürmen und den allerletzten Versuch g3-g4 vermeiden konnte (2.5/4).

5. Runde mit Schwarz gegen Hampus Sörensen (1921)

Am Samstagabend saß mir in der ersten der verbleibenden drei Langpartien (110 Minuten + 10 Sekunden/Zug) ein zwölfjähriger Junge gegenüber, der fast am Brett einschlief (das Turnier geht am zweiten Tag über zehn Stunden, was wirklich eine Herausforderung ist). Da Schweden aber voll von ehrgeizigen Sportlern ist (Hampus ist die Nr. 2 in der schwedischen U14), sollte man darauf nichts geben.

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In der Tat überlebte ich das Mittelspiel nur knapp, um dann festzustellen, dass ich dieses Endspiel trotz Läuferpaars nicht gewinnen konnte. Der beste Versuch wäre noch 28…La6 gewesen, 28…Lg5 sah zwar beeindruckender aus, aber leider ist der weiße König nach einfach 29.Sd3 Ld5 30.Kf2 rechtzeitig bei einem schwarzen Freibauern (3/5).

6. Runde mit Weiß gegen Finn Broman (1959)

Die Auslosung meinte es am Sonntagmorgen gut mit mir: Weiß gegen einen schlagbaren Gegner, der für seine ersten fünf Züge 45 Minuten Zeit nahm und offenbar Musik macht. Es wurde meine schlechteste Partie (Achtung: vier Diagramme).

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Wenn Schach ein logisches Spiel ist, gehört der Läufer nach e7 und nicht nach d6 und muss 12.d5 funktionieren. Es funktioniert auch: 12…exd5 13.exd5 Lxd5 14.Lb5 Lxf3 und jetzt nicht 15.Dxf3, wie ich allein berechnet habe, sondern 15.Dxd6 und aus. Stattdessen kam 12.Te1 e5 und ich verstand, was der Läufer auf d6 eigentlich sollte.

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Irgendwie hatte ich dann doch einen Bauern gewonnen und hier gedanklich schon den vollen Punkt verbucht (4/6 ist eine schöne Basis für die letzte Runde). 29.fxg5?? und jetzt kam nicht 29…hxg5 30.Tdf1, sondern ganz trocken 29…Txe6. Zweizügig eine Figur eingestellt. Die Partie war gelaufen. 29.Tf7 hätte das Motiv aus der Stellung genommen und einfach gewonnen (f4-f5+).

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Wie durch ein Wunder war die Partie hier auf einmal wieder gewonnen, ich habe zwar alles mögliche nach 33.g6+ oder 33.gxh6 berechnet, aber nicht daran gedacht, dass man die Zugfolge auch vertauschen kann: 33.e8D+! Txe8 34.g6+! Kf8 35.g7+ und Weiß hat ein gewonnenes Endspiel.

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Nur der Vollständigkeit halber: Selbst hier war noch ein Remis möglich: 36.h7 Th6 27.g5 Txh7 28.e8D+ Lxe8 29.g6+ Kxg6 30.Txe8.

Danach war der Kopf leer und ich dachte über Turnierabbruch und Karriereende nach (3/6).

7. Runde mit Weiß gegen FM Tom Rydström (2266)

Ein 18-jähriger frischgebackener Fidemeister ist nicht gerade ein Traumlos nach so einer Partie.

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Schwarz sieht bedrohlich aus, aber ich fand zu seiner Überraschung 36.fxg5!, wonach Schwarz schon aufpassen muss, die Partie nicht zu verlieren. Weiß droht das Feld e4 freizukämpfen. 36…hxg5 37.g4! e4+ 38.Ke3 Sg3 39.gxf5 Ke5 40.f6! Sf5+ 41. Ke2 Sd6 und ich wollte das Schicksal nicht mit 42.Sb3 und Bauerngewinn herausfordern (der Rechner will sogar 42.b4 sehen) und nahm die Zugwiederholung (3.5/7).