Spielte Emanuel Lasker psychologisches Schach? Ich weiß es nicht, sein Spiel ist jedenfalls oft so gedeutet worden. Wir bringen als Beispiel eine Phase aus der Partie Lasker gegen Janowski (New York, 1924). Die Kommentare entstammen der „Kunst der Verteidigung“ von Hans Kmoch und dem Turnierbuch „Das Großmeisterturnier New York 1924“ von Alexander Aljechin. Kmoch überschreibt seinen Artikel mit „Emanuelisch“.

Kmoch schreibt hier:

Weiß steht elend; eigentlich ist er auf Td2-d1–d2 usw. angewiesen, aber das hieße abwarten, bis einer der Durchbrüche c6-c5, g5-g4 oder e5-e4 die Entscheidung bringt. Schrecklich. Wie Tartakower uns erzählte, zeigte jedoch Lasker keine Spur von Verlegenheit; er drehte sich gemächlich nach links, schlug ein Bein über das andere, steckte sich eine neue Zigarre an und spielte, ohne sich lange zu besinnen, mit fester Hand den folgenden Zug.

40.Kd1

Hans Kmoch:

Dieser Zug ist ebenso ungenügend wie jeder andere, aber er wirkt überraschend. Was soll die kampflose Preisgabe des Bauern d3 bedeuten?

Alexander Aljechin:

Weiß hat nichts Besseres, als auf diese Weise sein Schicksal, oder vielmehr seinen Gegner zu versuchen – ob dieser mit gewonnener Stellung den Bauern d3 nehmen wird. Auf 40.Sf1 gewinnt 40…g4 usw. leicht.

40…Ke6

Alexander Aljechin:

Natürlich war hier 40…Lxd3 möglich, z.B. 41.Sxd3 Txd3 42.Txd3 Txd3+ 43.Kc2 e4! und Weiß darf nicht 44.Sf1 spielen (44.fxe4 Tg3) – wegen 44…exf3 45.Kxd3 fxg2 und gewinnt.

Hans Kmoch:

Die Überraschung hat gewirkt. Janowski, durch langjährige trübe Erfahrungen mit dem Doktor gewitzt, glaubt zu erkennen, was dieser im Schilde führt: 40…Lxd3 41.Sxd3 Txd3 42.Txd3 Txd3+ 43.Kc2 und nun hat der Td3 keinen starken Zug. nach 43…Td8 (ebenso nach 43…Te3 44.Te4 Txe4 45.fxe4) 44.Sf1 g4 45.hxg4 hxg4 46.Sd2 leidet Schwarz auf der Königsseite an Leukopenie, wodurch es sehr schwierig ist, den Mehrbauern zur Geltung zu bringen. Diese Überlegung ist jedoch insofern irrig, als 43…e4! den Turm deckt und den Vorteil von Schwarz festhält. Hatte auch Lasker das nicht vorausgesehen? Eine müßige Frage; er hat jedenfalls nicht gewartet, bis sein Gegner kaum noch etwas übersehen konnte.

41.Kc2 Le7 42.Sf1 c5

Hans Kmoch:

Dieser Durchbruch sollte, wie Aljechin im Turnierbuch ausführt, noch immer zum Gewinn ausreichen. Aber Janowski, damals schon todgeweiht, beging in der Folge noch mehrere kleine Fehler und schließlich einen großen, wodurch er die Partie sogar noch verlor.

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