Doch ist Berech­nen an sich noch nicht Ana­ly­sie­ren. Ein Schach­spie­ler zum Bei­spiel tut das eine, ohne sich um das ande­re auch nur zu bemü­hen. Dar­aus folgt, daß man das Schach­spiel in sei­ner Wir­kung auf die Geis­tes­an­la­gen gröb­lich miß­ver­stan­den hat. Doch will ich hier kei­ne Abhand­lung schrei­ben, son­dern nur einer ziem­lich eigen­ar­ti­gen Erzäh­lung ein paar zufäl­li­ge Bemer­kun­gen vor­aus­schi­cken; so möch­te ich die Gele­gen­heit ergrei­fen, zu behaup­ten, daß die sub­li­me­ren Kräf­te des den­ken­den Ver­stan­des ent­schie­de­ner und zweck­dien­li­cher von dem beschei­de­nen Dame­spiel bean­sprucht wer­den als von aller aus­ge­klü­gel­ten Ober­fläch­lich­keit des Schach­spiels. Bei letz­te­rem, wo den Figu­ren ver­schie­den­ar­ti­ge und bizar­re Züge mit unter­schied­li­chen Varia­blen eig­nen, wird (ein nicht unge­wöhn­li­cher Irr­tum) das, was nur kom­pli­ziert ist, fälsch­lich für tief­grün­dig gehal­ten. Die Auf­merk­sam­keit wird hier mit allem Nach­druck auf den Plan geru­fen. Erlahmt sie für einen Augen­blick, so unter­läuft auch schon ein Ver­se­hen, das Scha­den oder Nie­der­la­ge zur Fol­ge hat. Da die mög­li­chen Züge nicht nur man­nig­fal­tig, son­dern auch ver­wor­ren sind, ver­viel­facht sich die Gefahr sol­chen Ver­se­hens; und in neun von zehn Fäl­len ist es eher der kon­zen­trier­te­re als der scharf­sin­ni­ge­re Spie­ler, der gewinnt. Beim Dame­spiel hin­ge­gen, wo die Züge ein­heit­lich sind und kaum von­ein­an­der abwei­chen, ist eine Unacht­sam­keit weni­ger wahr­schein­lich, und da die pure Auf­merk­sam­keit ver­hält­nis­mä­ßig unbe­schäf­tigt bleibt, sind die Vor­tei­le, die die eine oder ande­re Par­tei erringt, allein über­le­ge­nem Scharf­sinn zuzuschreiben.

Edgar All­an Poe: Die Mor­de in der Rue Mor­gue (1841)