Fischer vs. Karpow

DAGOBERT KOHLMEYER
Ihr Vorgänger auf dem WM-Thron, Bobby Fischer, machte Schlagzeilen, als er nach Island ins Exil reisen durfte. Welche Erinnerungen haben Sie an den Amerikaner?
ANATOLI KARPOW
Sehr viele, auch wenn wir uns am Brett nicht begegneten. Aber wir trafen uns Mitte der siebziger Jahre dreimal zu geheimen Gesprächen: in Japan, in Spanien und in den USA. Leider kam unser WM-Match aufgrund von Fischers starrer Haltung nicht zustande. Das ist ein Versäumnis der Schachgeschichte. Es gibt aber ernsthafte Bemühungen, daß wir heute dieses Duell, in welcher Form auch immer, nachholen. Ich bin dazu bereit.

– FAZ, 17.09.2006)

Kategorien: Marginalien

2 Kommentare

  1. Also ein alter, wirrer Antisemit (Fischer) will gegen einen Intriganten und Opportunisten (Karpow) ein bisschen Schach spielen – schön. 

    Wenn sich irgendwo im Stadtpark zwei wunderliche alte, müde Männer zum Schach treffen, schlendert man vorbei, stört nicht weiter und vergisst es. 

    Unvergessen jedoch ist Karpows Turnierrückzug aus dem Aeroflot im vorigen Jahr, obwohl er zur selben Zeit durchaus in Moskau weilte, den Vertrag für das Turnier lange Zeit vorher unterschrieben hatte und eben nun doch lieber irgendwas mit irgendwem – Geschäfte… – bereden wollte. Aufgeblasene Schösel verhalten sich so.

    Dass der Mann schon in Sowjet-Zeiten, als er strammes KPdSU-Mitglied und Funktionär (in der Nachfolge des Stalinisten Botwinnik) sein wohl recht ansehnliches Vermögen im angenehmeren Westen parkte, war ein noch verständlicher Zug seines Opportunismus. 

    Jetzt aber ist er sich nicht mal zu schade, gegen Geld mit einem antisemitischen Wirrkopf wie es Fischer nun mal heute leider geworden ist zu spielen – schade.

  2. Vielleicht brauchte Dagobert K. aber auch nur einen Aufhänger, um das Interview nicht ins total Belanglose abgleiten zu lassen, und hat Tolja diesen Vorschlag in den Mund gelegt. Zustande kommen wird das bei Fischers Zustand (und dem Beharren auf dem Würfelschach, und, und …) sowieso kaum, aber der Journalist hat seinen Knüller, und der Exweltmeister seine Schlagzeile („Win-Win“-Situation nennt man das).

    Oder, wie mich Dr. Rene G. einmal anläßlich des Gesprächs zur Schoschies-Affäre belehrte: „Ein Interview ist doch immer ein Gesamtkunstwerk.“ Wo meist auch der Journalist seine Vorstellungen hat, womit er die Scheibchen vom Aufmerksamkeitskuchen abschnippelt. 

    Noch ein paar Bemerkungen zu Karpow: Ich bin ja niemals sein Fan gewesen, aber es ist schon erstaunlich, wie sehr er auch ungerechtfertigte negative Reaktionen auf sich zieht.

    1. War es in der UdSSR üblich, die Preisgelder größtenteils für Partei & Staat einzuziehen. Aus ökonomischen, aber auch aus Sicherheitsgründen – man konnte sich eher darauf verlassen, dass der Weltmeister nicht abhaut, wenn er keine Millionen im Ausland hat. 

    2. Botwinnik war eben doch nicht so stark im Stalinismus verdrahtet, schon allein, weil er als Jude latent gefährdet war. Sein Förderer Krylenko ist z.B. der 36er Säuberung zum Opfer gefallen – „Stalinist“ ist leider etwas oberflächlich.
    Sein Nachfolger/Schüler ist übrigens eher Kasparow.

    3. Mal zum Nachdenken: Wieso hält man Karpow seine Parteimitgliedschaft und ‑funktionen vor und schilt ihn einen Opportunisten, aber z.B. kritisiert das NIEMALS am allseits beliebten und verehrten Michail Tal, obwohl der ebenso hohe Funktionen angenommen hat?
    Scheinbar hat das sehr viel mit „Image“ zu tun und dem Bauchgefühl, das nach dem Äußeren urteilt – der inzwischen dicke Karpow mit seinen schmierigen Haaren und dem „langweiligen“ Stil verkörpert ideal den Bürokraten, während man dem begeisternden Opferspieler Tal, trotz seiner Krankheiten immer wieder Glanzleistungen zeigend und in aktivem Schachalter (wenige Jahre vor seinem Tod wurde er noch Blitzweltmeister) von uns gegangen, einfach nicht übelnehmen kann.

    Außerdem ersparen einem die Stereotypen auch viel Nachdenken.

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