Ich war alms

Seit gestern ist meine Fernschachkarriere zuende. Ich habe meine letzte Serverpartie aufgegeben. Es waren zwar erst zehn Züge gespielt, ich stand aber schon etwas schlechter. Bei der Spielstärke meines Gegners war der Ausgang der Partie aber ziemlich gut voraussagbar und noch zwei bis drei Monate wollte ich mir nicht mehr antun.

Ich habe fünf verschiedene Fernschachserver ausprobiert. Es gibt eine Menge netter Leute dort. Manchmal hatte ich an die 30 Partien gleichzeitig laufen. Es gab Rundenturniere, Thematurniere, KO-Turniere, Schweizer System und alles mögliche sonst. Ich habe bei drei verschiedenen Mannschaften gespielt. Irgendwie ist man immer irgendwo am Zug. Das kann ein beruhigendes Gefühl sein.

Keine Ahnung, ob Fernschach gut für das Schach ist. Natürlich, man könnte sich mal ernsthaft mit der Eröffnung beschäftigen, anstatt nur die Datenbank oder seine Bücher zu befragen. Man könnte mal herausbekommen, wie man eigentlich einen Plan im Mittelspiel fasst. Oder seine interessanten Endspiele analysieren. Ich bin dazu nicht gekommen. Ich habe nur gezogen. So um die 700 Partien. So um die 20.000 Züge. Wahrscheinlich kann man sinnvollere Dinge tun. Mal sehen, wann ich rückfällig werde.

7 Gedanken zu „Ich war alms“

  1. Willkommen bei den Aussteigern! Ich hatte mich schon gewundert, dass sich der Nick seit einiger Zeit in den Blogs änderte – war das schon ein Vorgriff aufs Ende? Und: War der Name eigentlich in Anlehnung an den früheren Hansa-Gernot gewählt?

  2. Danke! Hattest du denn auch mal eine Fernschach-„Karriere“? Ich kannte dich bisher nur als Sekundanten.

    Ja, alms hängt natürlich mit Gernot Alms zusammen. Hatte ich die Geschichte noch nicht erzählt? 1998 in einem Uni-Büro, meine ersten Gehversuche im Internet. Mein Freund Georg: „Hier kann man auch Schach spielen, das wäre doch was für dich! Man muss sich anmelden. Ich mach das für dich. Du brauchst einen Namen. Sag mal schnell was!“ Auf die Schnelle fiel mir nur dieser Held meiner Kindheitstage ein. Klang geheimnisvoller als schluenz oder jarohs.

    Mit dem Fernschach hat mein Wechsel des Nicks aber nichts zu tun. Ich wollte einfach etwas persönlicher werden. Also duzen und Vornamen. Dieser Teil der skandinavischen Kultur gefällt mir sehr.

  3. Eine Karriere nicht direkt, aber ich hatte mich mal breitschlagen lassen, bei Jubiläumsturnier „10 Jahre LSV MV“ mitzuspielen, das im fürs Fernschach höchst seltenen Schweizer System ausgetragen wurde. Ich hatte ja die heimliche Hoffnung, dass man es damit ins Guiness-Buch schafft („längstes Schachturnier…“). Nach zwei Remisen (wobei ich einmal zwei Mehrbauern im Marshall-Endspiel nicht verwerten konnte) bekam ich dann mit, dass ein Unentschieden gegen 2400er im Fernschach eher ein schlechtes Ergebnis ist, und gewann die nächsten beiden (da könnte ich jetzt mit einer Performance protzen…). Allerdings brach das Turnier dann ab – der Organisator gab wegen Überlastung auf. Ich bekam das erst nach einem Jahr mit, als ich mal nachfragte, wann denn die neue Runde ausgelost würde – und ich fürchte, mit meinem Angebot, das Turnier nebenbei weiterzuorganisieren, habe ich ihn mindestens so verärgert wie mit meinen zeitweisen Spitzen über das Präsidium (allerdings hatten offenbar die meisten Teilnehmer ohnehin schon die „Kündigung“ erhalten).

    Tja, und daher bin ich nun nur noch Sekundant (und schaue auf Fernschächer so etwa wie ein Läufer auf Nordic Walker).

    Bzgl. Alms habe ich noch dunkel ein 1:0-Kontertor gegen Carl Zeiss Jena vor Augen – es war das gefühlte einzige Mal, dass Hansa in dem Spiel überhaupt über die Mittellinie kam. Dem Netz entnehme ich, dass es auch nur eines von neun Alms-Toren in seinen ganzen Hansa-Jahren war – er glänzte ja eher als robuster Ausputzer.

  4. Über den Sinn des Fernschachs und den Unsinn des Schachs wird ja im Internet wieder an einige Orten diskutiert. U. a. beim BdF:
    http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2035593&r=threadview&a=1&t=3277708

    Ich hatte Fernschach immer mal kurz gespielt und gleich erkannt, dass es nichts für mich ist. 1984 mal eine DDR-Schülermeisterschaft, Anfang der 90er Weltpokalvorrunde. Letzteres recht erfolgreich wegen der Analysen mit Stefan Apel im Zug von und nach Berlin. Ende der 90er hatte ich es noch mal versucht und dann den schellen Ausstieg verpasst und so ließ sich mit der Fernschachpost wenigsten ein kleiner Nutzen daraus ziehen. Nun hindern mich nur noch einge Qualifikationen am Aufhören, aber die sind auch bald abgegolten.
    Es gibt bei diesen Partien, aber durchaus interessante Kontakte und das ausgedehnte Analysieren könnte, wenn man mehr Zeit hätte, viel Spaß machen. Ich glaube nicht, dass von Schach oder Fernschach eine Variante besser als die andere ist. Sie sind sicher anders und da muss jeder für sich selbst entscheiden, was er spielen möchte. Die meisten entscheiden sich ja gegen beides.
    Stefan, ich werde Dir bestimmt bald folgen. Jetzt genieße ich aber noch einige Partien. U.a gegen Arno Nickel – und jede Menge Marshall!

  5. Robuste Manndecker entsprechen ziemlich genau meiner eigenen Spielauffassung beim Fußball. Eng am Mann stehen, konsequent dazwischengehen und den Ball wuchtig rausschlagen, notfalls auf die Tribüne. Heutzutage faseln die Trainer ja eher von intelligenten Innenverteidigern, die „im Raum stehen“ und die „Spieleröffnung“ machen sollen.

    Back to topic: Ich glaube, dass man Fernschach und Serverschach unterscheiden muss. Fernschach habe ich bis auf wenige Ausnahmen nie ernsthaft gespielt. Fernschach ist verbandsmäßig organisiert, Serverschach eher Wildwuchs. Der wesentliche Unterschied ist, dass beim Serverschach die Verabredung besteht, keine Rechner einzusetzen (auch wenn sich nicht alle daran halten). Das war für mich auch der Reiz an der Sache, weil mir für das Administrieren von Schachprogrammen (ich weiß, dass man damit allein im Fernschach noch nicht weit kommt, aber ohne das schon gar nicht) Zeit, Interesse und Material fehlt.

    Partieanalyse ist natürlich eine reizvolle Sache. In diesem Sinne verstehe ich das gelegentliche Sekundieren von Olaf, oder die gemeinsame Besprechung von Partien in Fernschach-Mannschaftskäpfen. Aber überwiegend scheint das ja ein einsames Geschäft zu sein.

    Im Nahschach machen die allgegenwärtigen Schachprogramme die Analysekultur auf den unteren Ebenen ja vollkommen kaputt („Aber Fritz sagt…“). Vielleicht sollten wir an die alten Beratungspartien anknüpfen, Thematurniere zum Rice-Gambit, telegraphische Städtewettkämpfe, diese Sachen…

  6. Was mich persönlich schon immer vom Fernschach abgehalten hat, war – neben der zeitlichen Belastung und insbesondere dem Computereinsatz – der nicht so ausgeprägte Wettkampfcharakter wie beim Nahschach. Um in der der Fußballterminologie zu bleiben, fehlt die Dramatik, wenn man nicht in schlechter Stellung die Bälle wild hoch und weit in den Strafraum (vorzugsweise in Königsnähe) schlagen kann, in der Hoffnung, dass irgendwie doch etwas geht. Es fehlt das Adrenalin, wenn es in die Nachspielzeit geht, das eiskalte bayernmäßige Abwickeln in das bessere Endspiel, das cottbusartige Abklammern gegen stärkere Gegner etc.

    Beratungspartien sind eine feine Sache und für Städtwettkämpfe stehe ich augenblicklich eh zur Verfügung :-)

  7. Das trifft bei mir auch zu. Ich spiele lieber schlecht (Nah-) Schach als gut Fernschach. Am liebsten natürlich gutes Schach, aber dass passiert eher selten.

    Es gibt aber immer wieder Fernpartien, bei denen es einfach Spaß macht, lange daran zu arbeiten. Aber dann gibt es natürlich auch die anderen …

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